Signaturen des Politischen

12. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Kunst, Theorie

Selbst der Kunstbanause wird die politische Wirkungsabsicht der Spehrschen Kunst nicht übersehen können. Was hier mit „Politik“ gemeint sein könnte, machte am Sonntagnachmittag (11. Dezember 2011) um 16 Uhr Prof. Claus Leggewie in seiner halbstündigen Führung durch die Kunsthalle Gießen deutlich. Als erster Promi der Reihe „Prominent geführt“ gab der in Gießen lebende Politologe und Kulturwissenschaftler einige weiterführende-kunstsinnige Anregungen, auch wenn er, wie er eingangs betonte, sich nur „amateurhaft mit Kunst auseinandersetze“. Wer den Publizisten und Fernsehexperten Claus Leggewie kennt, weiß, dass er die Dinge auf den Punkt bringen kann.

Zu Anfang galt jedoch sein Erstaunen dem großen Publikumsinteresse. Er habe mit „sechs“ Personen gerechnet.

Ausgangspunkt seiner Reflexionen zu Spehrs Kunst waren die kleinformatigen Zeichnungen im hinteren Areal der Kunsthalle. An ihnen stellte er den besonderen „Anstrich“ der künstlerischen Arbeit dar. Spehr operiere als Künstler im Bereich der „Unschärfe“. Damit gehöre er zu dem Künstlertypus der „versucht den allgemeinen Geschmack zu unterwandern“. Dies sei aber bei Spehr nicht Ausdruck einer willkürlichen Opposition zum aktuellen Zeitgeschehen. Bei Spehr vermittelten die Exponate, insbesondere auch die Gießener Ausstellung, eine mit künstlerischen Mitteln evozierte Aufforderung: „Genauer Hinzuschauen, um die Verhältnisse verändern zu können“ – man muss nahe an die zum Teil detailreichen Zeichnungen herantreten. Nach einer Titelei suche man dabei meist vergeblich. Die Werke blieben auch deshalb ohne Titel, wie Leggewie räsonierte, weil Spehr jegliche propagandistische Inanspruchnahme verhindern möchte. Diese explizite Nichtpositionierung, wird durch die in den Zeichnungen leerbleibenden Plakate und Protestschilder überdeutlich zum Ausdruck gebracht. „Bei ihm steht eben nichts, dass ist wichtig“. Natürlich hat das irgendwie immer auch etwas mit Beuys zu tun. Spehr möchte die Köpfe seiner Rezipienten erreichen, deshalb hat er den sozialen Raum in dem seine Kunst wirkt mit im Blick – auch im Sinne eines Chronisten, der mediale Sehgewohnheiten festhält. Ausdrücklich verwies Leggewie auf die Bedrohlichkeit und „Gewaltigtätigkeit“ der Szenerien, die evident von den wiederkehrenden „unheimlichen Kindern“ ausginge. Sie stellen die Welt zwar nicht auf den Kopf, sind aber ebenso wie „Streetfighter“, „Berber“ und „Businessmen“ fester Bestandteil von Spehrs ikonographischem Personal. „Spehr möchte sie verunsichern“ und seine Kunst trage gewollt die „Signatur des Politischen“. Der Kunstprofessor setze höchste Zeichenkunst ein, um Bildergeschichten zu formen, die öffentlich anschließbar bleiben, ohne Partei zu ergreifen.

Zu der Verschränkung der installativen Arbeit und den Zeichnungen ringsum, sagte Claus Leggewie wenig. Er verwies jediglich auf die Zeitgemäßheit der fliegenden Zeltstadt, die an den Tahrir-Platz in Kairo, die Piazza del Sole in Madrid oder ganz aktuell an die Bürger-Proteste in Moskau erinnern könnte. „Das Schöne an der politischen Kunst ist, dass sie Überlegungen freisetzt“. Allerdings sei das Sujet bei Spehr niemals so politisch, wie etwa Picassos Guernica, räumte Leggewie ein. Es bleibe die „Unschärfe“ in seinen „Tumult“- und „Empörungs“-Bildern erhalten – dies sei auch für die Installation eine wichtige Interpretationsperspektive.

Die Kuratorin der Kunsthalle Frau Dr. Riese freute sich abschließend über eine „anregende“ Führung. Die übrigen Geführten unterstrichen diese Würdigung mit anhaltendem Beifall. Es wird für Frau Dr. Riese schwer werden, nun einen zweiten Prominenten zu finden, der mit ähnlich professoraler Eloquenz und lockerem Infotainment seine Gedanken zu einer Kunsthallen-Ausstellung preisgibt. Die Kunsthalle zeigt Johnnes Spehrs Kunstwerke noch bis zum 23. Dezember 2011.

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