rauschhaus III – Begehbar und auch ohne Plan mittendrin
29. November 2011 | Von Fiona Sara Schmidt | Kategorie: Kunst, Lebensstile, Literatur, Popkultur, Theater, Theorie
Im Flur des „rauschhaus (3)“ in der Ludwigstraße 19 in Gießen streiten sich in einer Soundinstallation zwei Stimmen darüber, ob alles zu Rausch werden muss oder zu Ordnung. Die Tonspuren überlagern sich und es ist klar, dass hier beides stimmt. Ein unheimlicher „Friedhof der Kuscheltiere“ sorgt beim Ankommen für Irritation, im zweiten Stock entsteht eine U-Bahn für Gießen, in einem Raum läuft Werner Herzogs Film „Auch Zwerge fangen klein an“. Zwischen den teilnehmenden Künstler_innen und dem Publikum entstehen unvorhergesehene Begegnungen und Gespräche, das unterscheidet das rauschhaus von anderen Ausstellungen.
Im Eingang des begehbaren Gesamtkunstwerks war am Montag (21. November 2011) eine Diashow mit Bildern des Hauses vor dem Einzug zu sehen. Die ehemalige Nutzung als Verwaltungsgebäude der Uni, ist nur noch an den Aktenschränken aus Metall zu erkennen. Unten an einer Bar zwischen gemütlichen Sitzgruppen legte DJ Erik Meyer am Plattenspieler „Rauschhouse“ auf. Im ersten Stock malte Andreas Eickenroth auf dem Boden an einem großformatigen Bild, ein anderer Raum ist bereits mit einer bedrückenden Installation ausgestattet. So entsteht auch ohne Plan Etwas.
„Eine kindliche, freudige Erregung“ verspürte Künstler und Mitorganisator Till Korfhage bei der Aussicht auf fast zwei Wochen „rauschhaus“. Nachdem die temporäre und interdisziplinäre Arbeits- und Ausstellungsgesellschaft in den vergangenen zwei Jahren in der Dulles-Siedlung in der Grünberger Straße eher im Hintergrund agierte, ist nun ein neues Haus gefunden: Die Künstler_innen malen, werkeln und diskutieren noch bis zum 4. Dezember in der Ludwigstraße 19. Knapp zwei Wochen lang werden sie den Altbau „wüst und wirr beleben und ein ekstatisches Chaos zelebrieren“.
Gastkünstler Daniel Horvat, Thrash-Metal-Fan der ersten Stunde, berichtet etwa über seine Erfindung des Thrash-Painting, die ihm beim aggressiven Malen entstanden ist. Im Erdgeschoss sind seine neuen morbiden, expressiven Bilder zu sehen. Till Korfhage hat eine Rauminstallation mit Video, Spiegeln und Plastikfolie geschaffen, ein Kontrast zwischen Kanten und weichen Formen. Fence zeigt einen ganz anderen Raum mit grafischen, dreidimensionalen Elementen.
Initiatorin Julia Blawert zeigt sich zufrieden über den bisherigen Projektverlauf: Die Aufführungssituation nach einer so kurzen Arbeitsphase sorgten bei den Künstler_innen zwar auch für Druck, aber die Auseinandersetzung mit dem Publikum hat auch die Arbeit bestätigt. Und Jennifer Sprodowsky ergänzt: „Wir sind noch mittendrin, aber die Idee geht auf!“ Nach einer wilden Party am Freitag und geschlossenen Türen am Samstag begann die zweite Woche von rauschhaus III mit Spiel und Spaß statt Reflexion: Michael Bloeck bot mit „Be poet“ am Sonntagnachmittag Poesie, anschließend wurde um das Straßenkarree mit Wasserpistolen „Assassin – a game“ gespielt. Danach präsentierte der Gitarrist Djitó alias Daniel Schmidt seine folkigen Songs.
Beim ersten Mal „rauschhaus“ ging es nur um die Kraft des Rausches, im vergangenen Jahr dann reflektierter um den Wert der Kunst. Die dritte Auflage soll nun eine Synthese schaffen und gliedert sich in mehrere Phasen: Die beteiligten Künstler_innen arbeiteten meist mit offenen Türen wild drauflos, bis es dann am Freitagabend (25. November 2011) eine erste Ausstellung zu sehen gab – ein öffentliches „Fest der Sinne“. Die gewollte Katerstimmung sollte als produktives Stimulans wirken, eine programmierte Leerstelle im vorbeifließenden Rausch. Mehr als eine Atempause konnte dies nicht sein: am 3. Dezember ist schließlich die abschließende Ausstellung geplant.
Organisiert, konzipiert und durchgeführt wird das Projekt von Julia Blawert, Mona Wolf, Jennifer Sprodowsky, Florian Seel, Lena Theis und Till Korfhage. Förderung kommt vom Kulturfonds Gießen-Wetzlar, dem Kulturamt der Stadt Gießen, der Hessischen Theaterakademie und dem AstA der JLU Gießen. Neben Musikdarbietungen finden ein Filmabend, Gespräche, Performances und Diskussionen statt. Rauschhaus III ist bis zum 4. Dezember in der Ludwigstraße 19 zu Gast. Am 3. Dezember gibt es ab 20 Uhr eine Ausstellung von und mit 32 Künstler_innen und 21 Projekten. Informationen und Termine sind auf folgender Website abzurufen: http://rauschhaus.wordpress.com/
verwandte Artikel
- Räume voller dionysischer Ideen: Das Projekt „Rauschhaus“ zelebriert die ästhetische Hausbesetzung
- Gießener Künstlerkollektiv „rauschhaus“ veröffentlicht Katalog
- Wir empfehlen heute
- Keller Theatre Spielplan 11/12 ist auch etwas für Non-Anglophile
- Projektförderungen von Kommunaler Arbeitsgemeinschaft Gießen – Wetzlar beschlossen

