Besserwisserei, viel Haut und der toskanische Warhol

9. November 2011 | Von | Kategorie: Theater

Toscana by Night

Als vom Publikum begeistert gefeiertes Kammerspiel ging „Die Toscana-Therapie“ (1987) am vergangenen Samstagabend (5. November 2011) im „Musenkeller“ über die Bühne. Das tageslichtenferne Gewölbe der St. Bonifatius Gemeinde war restlos ausverkauft, als Robert Gernhardts einziger dramatischer Text zur Aufführung kam. Der Cartoonist und Satiriker zeichnet darin eine bitter-süße Parabel auf eine Gesellschaft deren Kommunikation endgültig aus den Fugen geratenen ist – babylonische Sprachverwirrung zwischen Terrakotta und Zypressenhügeln. Zur Arena der Wortgladiatoren wird die luftige Terrasse mit meditteranen Gartenmöbeln wo bei Wein, Weib und Gesang sich über Gott und die Welt ausgetauscht wird, ohne das etwas substantielles hängen bleibt.

Alles nur Schauspielerei: Victor als französischer Feldherr

Karin verbringt mit ihrem nörgelnden Ehemann Gerhard den Sommerurlaub im Ferienhaus ihres Freundes Dieter in der Toscana. Bei einem Florenzaufenthalt haben sie den bekennenden Alkoholiker und amerikanischen Literaten Victor aufgegabelt, mit dem sie seitdem das Domizil teilen. Für Ärger sorgen außerdem Gärtner Danilo mit seinem Traktorlärm, dass unablässige „Sägen“ der Zikaden, und ein unverhoffter Besuch des Fotographen Florian mit seiner jugendlichen Muse Silvia. Für den abendlichen Besuch des Freundes Werner Bergmann (Redakteur bei FAZ Magazins), auf den sich Karin und Gerhard gefreut haben, bleibt bei all dem Trubel kaum Zeit. Erst als Psychotherapeut Dieter eintrifft, kommt es zur Lösung des Konflikts – aber anders als erwartet.

Richtig kultiviert ist in der „Toscana-Therapie“ keiner, nicht mal die jungendliche Verlockung Silvia, die zur emotionalen Aufrichtigkeit auffordert: “Warum sagt ihr nicht einfach was ihr meint“. Die Inszenierung unter der Regie von Guy Sagnes nähert sich dem Stoff unverkrampft, ohne zu moralisieren, und das leidenschaftliche Musenkeller-Ensemble braucht den Vergleich mit professionellen Bühnenakteuren nicht zu scheuen.

Karin und Gerhardt diskutieren

Vielleicht am schwersten haben es Karin (Annette Filippi) und Gerhard (Dominik Müller), deren Konflikt bei aller dem Geschlechterkampf innewohnenden Lächerlichkeit, eine gewisse Tragik haben muss, um die gesellschaftskritischen Untertöne hörbar werden zu lassen. Gerhards enervierende Besserwisserei und sein intellektuelles Entertainment erträgt Filippi in der Rolle der Karin in souveräner Ruhe. Müller hingegen hat die Getriebenheit Gerhards in ein nervöses Brillenspiel und ein unkontrollierte Hyperaktivität übersetzt, dass sich von den Augen ausgehend sich in seinen zuckenden Leib ausbreitet. Michael Müller als Poet Victor, die „Hemingway-Dublette“, spielt sich als toskanischer Warhol mit rollendem R in die Herzen des Publikums und an die Ränder der sprachlichen Absurdität.

Die große Stärke der Inszenierung ist, dass sie die Entfremdung von Sprache und Individuum auf den Punkt bringt. Theater für Körper und Geist, die nicht mehr zueinander finden – witzig ist das ganz sowieso.

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