Bäume, Biwaks und Bleistiftkunst von Johannes Spehr
8. Oktober 2011 | Von Fiona Sara Schmidt | Kategorie: KunstMülltüten und Biwaks, provisorische Schlaflager aus Plastikplanen, hängen seit einigen Tagen an groben Seilen von der Decke der Gießener Kunsthalle. Am Boden liegt eine Ansammlung von groben Ästen, flankiert von schwarz-weiß Zeichnungen an den Wänden. Die Kunsthalle Gießen zeigt bis Weihnachten die Ausstellung „Windeinschlag/Siedeln in den Lüften“ von Johannes Spehr. Wer ganz nah an die unauffälligen Rahmen herantritt, wird auf Anhieb verstehen, was Spehrs Kunst bewegt – denn hinter Glas verbergen sich Bilder von Revolution und Gewalt.
Johannes Spehr wurde 1965 in Schotten im Vogelsberg geboren, lebt in Frankfurt und lehrt an der Kunsthochschule Kassel. Seit kurzem hat er dort eine Professur inne, und konnte wegen einer Klassenausstellung nicht am Pressegespräch teilnehmen. Die Kuratorin Dr. Ute Riese lobte die gelungene Zusammenarbeit, würdigte die Qualität des Künstlers, die „spröde, lapidare Poetik, die bestehende gesellschaftliche Aspekte anreißt“ und die Akribie, die die Zeichnungen auch handwerklich herausragend machen. Im sich reibenden Bezug dazu stehe im Zentrum der Kunsthalle der durch Natur- und Gebrauchsmaterialien angedeutete Urwald. Eigens für die Gießener Installation hat Spehr Holz aus den umliegenden Wäldern mit dem Fahrrad antransportiert und ein Astgeflecht daraus gemacht, das bei genauerem Hinsehen an verschraubte Prothesen erinnert.
Darüber ist, an einem 200 Meter Seil und einigen Haken, das Netz der Biwaks geknüpft, das über den Köpfen in der Luft hängt. Motivisch ist dieser „imaginierte Zufluchtsorte“ auch in der Darstellung der umherziehenden Berber auf den klein- und mittelformatigen Werken an den Wänden wiederzufinden. Die monochromen, exakten Zeichnungen und Aquarelle sind entweder Bildergeschichten oder düstere Szenerien, in denen Umbruchsituationen und Wandlungsprozesse dargestellt werden. Häufig sind auch Figuren zu sehen, die im Büro arbeiten oder absurde Tätigkeiten verrichten. Dazwischen finden sich überraschend Gewaltszenen oder düstere Revolutionsszenarien.
Johannes Spehr entstammt Beuys‘ Enkelgeneration, die politische und soziologische Initiative in die Kunst integrieren und auch in begehbaren Installationen umsetzen. Dabei spannt er auch in Gießen den Bogen von Comic bis Arte Povera.
„Windeinschlag/Siedeln in den Lüften“ eröffnet am heutigen Samstag (8. Oktober 2011) um 18 Uhr in Anwesenheit von Johannes Spehr. Das Begleitprogramm besteht neben einer Führung der Kuratorin am 6. November 2011 aus speziellen Angeboten für Senioren, Familien und Gehörlose. Neu ist außerdem eine Reihe mit dem Titel „Prominent geführt“. Als erster Promi wird Prof. Dr. Claus Leggewie am 11. Dezember 2011 seine Gedanken zu Spehr preisgeben.
Die Ausstellung ist bis 23. Dezember zu erleben: Dienstag bis Sonntag 10.30 bis 17.00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen www.kunsthalle-giessen.de.





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