Der Druck steigt, das MuK schreit

6. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Konzerte, Lebensstile, Popkultur

Ausgebreitet: Casper feiert sich

550 schwitzende Fans erwarteten am Dienstag (2. Oktober 2011) sehnlichst den Beginn des seit Wochen ausverkauften Konzerts von Rapper Casper. Um halb zehn war er endlich da und entstieg mit einer Wolfsmaske dem perfekt choreographierten, nebeligen Pathos. Casper betritt als aus den Augen leuchtender Wolfsmensch die Bühne und eröffnet mit der modernen Revolutionshymne „Der Druck steigt“ seine umjubelte Show.

Lasst die Spiele beginnen, fordert der Shootingstar und bringt mit ungestümer Freude an seinem Auftritt die Menge zum Springen. Alarm in Gießen! „Ich bin unzerbrechlich, unverletzlich“ heißt es in einem der älteren Songs die Casper neben seinem aktuellen Nummer-1-Album präsentiert und die zumeist minderjährigen Fans mitzusingen wissen. Es war nicht Caspers erster Auftritt im MuK, bereits 2009 unterstützte er Prinz Pi, damals brauchte es noch keine Absperrgitter. Trotz des unglaublichen Erfolgs des Albums „XOXO“ sollte es erst einmal eine Clubtour sein. Aus der Zeit vor dem Album stammt auch „Mittelfinger hoch!“, mehr Obszönitäten sind von dem sogenannten Emo-Rapper nicht zu hören, die Bezeichnung stört ihn schon lange nicht mehr.

Ausverkauft: MuK feiert Casper

Die älteren Fans, eigentlich eher Hörer von Gitarrenmusik, haben sich ganz hinten an der Bar versammelt und fühlen sich alt, die wartenden Eltern drehen ihre Runden um den Block. Bei Casper muss niemand Angst haben, dass die Kinder auf die falsche Bahn geraten. Obwohl sein T-Shirt „mit Verachtung“ sagt, erkundigt er sich bei seinen Zuhörern zwischendurch besorgt nach dem Befinden. Seine Stimme ist dabei so voller Reibeisen, dass die Ansagen manchmal gar nicht verstanden werden. Seine Botschaft ist, sich selbst treu zu bleiben, an die Freundschaft zu glauben, nachzudenken über sich und die Gesellschaft. Der Chartstürmer mit Hardcorevergangenheit ist ganz offensichtlich eine eierlegende Woll(f)milchsau, er bedient alle Stile, ist ein charmanter Interviewpartner und kritisiert öffentlich die Homophobie im Hip Hop. Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Die Wirkung von Caspers Band ist gleich in zweifacher Hinsicht blass, die jungen Musiker bleiben hinter der Dichte des überproduzierten Albums zurück. Und der Star des Abends, wie ein Prophet in Stoffturnschuhen auf seinem von unten angestrahlten Sockel stehend, scheint die anderen Akteure auf der Bühne gar nicht wahrzunehmen.

Ausdrucksstark: Casper feiert die Musik

Mit dem einem verstorbenen Freund gewidmeten Lied „Michael X“ beginnt der ruhige Teil des Konzerts. Mobiltelefone und Digitalkameras sorgen für ein postmodernes Kerzenmeer. Die Enttäuschung wird jedoch greifbar, als der Wolf seinem Rudel bereits nach einer Stunde das Ende der großen Party ankündigt. Aber Casper weiß, was er tut. Der Kracher „So perfekt“, unterlegt mit Technobeats wie von der Kirmes bringen alle nochmal zum ausrasten. Schon zwölf Stunden später steht der erste Zusammenschnitt http://www.youtube.com/watch?v=OkqzbOnLLcY auf Youtube mit dem Kommentar: „Es war so unglaublich gut.“

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