Mit spitzer Zunge gezeichnet

5. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Kabarett/Comedy, Kunst

Zu Lebzeiten unvollendet: "Den Rest können Sie sich denken!"

F. W. Bernstein Ausstellung „Den Rest können sie sich denken!“ ist am vergangenen Freitag im Mathematikum eröffnet worden. Seit 1994 ist es nunmehr die achte Sonderausstellung im Zahlenkundemuseum, die sich künstlerischer Produktion widmet. Zu sehen sind Cartoons, Karikaturen und Bildgeschichten vom Zeichner und Lyriker Prof. Fritz Weigle (geb. 1938) alias F. W. Bernstein.

Wer die „Titanic“ kennt, kennt sicher diesen Namen. Seit den 1960er Jahren inspiriert F. W. Bernstein mit seiner komischen Kunst und Satire eine ganze Generation junger Zeichner. Gemeinsam mit Robert Gernhardt gab der zeichnende Störenfried der „Neuen Frankfurter Schule“ ihren satirischen Anstrich.

Leiter des Mathematikums Prof. Albrecht Beutelsbacher zeigte sich während seines Vernissage-Grußwortes erfreut, dass nun vierzig „Schätze“ den Besucher_Innen präsentiert werden können. Die direkte Verbindung von Mathematik und Bernsteins Kunst sei die Darstellung der „konkreten“ Gegenständlichkeit in „abstrakter“ Form, analysierte der Gießener Mathematiker.

40 Zeichnungen stellt das Mathematikum aus

Die eigentliche Überraschung des Abends war Laudator Leo Fischer, Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“. Nicht so sehr, dass er da war – dies war bereits dem Programm zu entnehmen, sondern wie er da war. In seiner Eröffnungswort-Parodie lobte er in unnachahmlicher Form seinen guten Freund Bernstein. Trotz „kleinerer Schwächen im Detail“ benotete er den „Wert der künstlerischen Arbeit“ mit „2+“. Dem emeritierten „Karikatur-Professor“ habe die „Titanic“ viel zu verdanken und nun wolle er mit seiner „zu langen und sachlich falschen“ Einführung dem „Altvorderen einen Klaps“ auf die Schulter geben. Dazu gehöre auch F. W. Bernsteins „körperliche Vorzüge“ zu rühmen und „Klatschgeschichten“ zu erzählen. Während ein Lächeln sein Gesicht umspielte, hob er hervor, dass die Kunst Bernsteins darin bestehe „fragil wie Espenlaub“ zu sein und „wo andere mit dem Hammer draufhauen, sind bei F. W. Bernstein Luftblasen“.

F.W. Bernstein und Leo Fischer

Nach dem stark bejubelten Leo Fischer bedankte sich F. W. Bernstein erwartungsgemäß in seiner anschließenden Dankesrede, nicht ohne zunächst sich nach dem Zwischenstand im Frankfurter Waldstadion zu erkundigen. Davon sichtlich begeistert, freute er sich auch, dass seine Zeichnungen, die dem Archiv des Caricatura Museum Frankfurt entnommen wurden, als „Dekoration“ zwischen mathematischen Exponaten Platz gefunden haben, obwohl ihnen dadurch gehörig die „Show“ gestohlen wird.

Chefredakteur der "Titanic" Leo Fischer führte in das Werk ein

Bernsteins komische Kunstwelt ist vielfältig, viele Arbeiten sind eher gezeichnete Essays. „Cartoons, Karikaturen und Bildgeschichten“ nennt das Mathematikum ihre Sammlung. Denn in der Tat entzieht sich die große Zahl der Blätter dem Karikatur-Genre. Anspielungsreiche Zeichnungen sind es, teilweise koloriert, mit bildimmanenten Texten und Verweise auf den vergangenen und heutigen Zeitgeist. Um diesen Geist zu entdecken, braucht man schon etwas Zeit – es lohnt sich, sich diese zu nehmen. Zu sehen ist raffinierte Kunst von einem scharfsinnigen Intellektuellen mit gesellschaftskritischem Engagment. „Den Rest können sie sich denken!“ hängt noch bis zum 20. November im Mathematikum und am 25. Oktober liest dort F. W. Bernstein seine Lyrik live.

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