Neues aus der JVA Butzbach. Künstler hinter Gittern zeigen was sie können
21. September 2011 | Von Marko Karo | Kategorie: Kulturpolitik, Kunst, LebensstileBereits zwei Jubiläumsausstellungen zum Projekt „Kunst im Strafvollzug“ hat es in Gießen gegeben: 2001 zum zwanzigsten und fünf Jahre später zum 25-jährigen Bestehen. Unter der Überschrift „Kunst im Knast“ wurde in den Räumen des KiZ (Kultur im Zentrum) am vergangenen Donnerstagabend (15. September 2011) eine Ausstellung zum 30. Geburtstags des Gefängnis-Kunstprojekts eröffnet. Zu der Vernissage kam eigens der Justizminister Jörg-Uwe Hahn aus Wiesbaden. Außerdem gehörte die Kulturdezernentin und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz zu den Ehrengästen. Das Projekt, das seit 3 Jahrzehnten in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Butzbach besteht, wurde durch Jörg Peter Linke, Leiter der Einrichtung, sowie der Projektleiterin Regina Börke vertreten. Auch Projektteilnehmer bzw. ehemalige Häftlinge, die jedoch anonym blieben, waren unter den Gästen. Die Redebeiträge zu der Eröffnungsfeier begannen mit 20-minütiger Verspätung und zunächst ohne den Justizminister, weil dieser aus Wiesbaden kommend im Berufsverkehr stecken blieb.
Endlich da, betonte Jörg-Uwe Hahn, nun als letzter Redner, dass die Wichtigkeit kunstbezogener Resozialisierungsangebote kaum mehr in Frage stehe, und heute im Bereich Sport und Freizeit in den Haftanstalten verankert sei. Den möglichen Eindruck entgegentretend, die kunstpädagogischen Aktivitäten seien zur Zerstreuung der Häftling da, unterstrich der Minister die positiven Effekte die durch solcherlei Programme zur „Wiedereingliederung ins soziale Umfeld“ entstehen können.
Vordem hatte sich Haftanstaltsleiter Jörg Peter Linke in seine einleitenden Worten „außerordentlich beeindruckt“ angesichts der „Vielzahl der Gäste“ gezeigt. Und Dietlind Grabe-Bolz führte in ihrer Rede das hohe Publikumsinteresse auf die Anziehungskraft des ungewöhnlichen Kunstprojekts zurück, denn schließlich bringe „man nicht unbedingt Kunst und Knast miteinander in Verbindung“. Sie unterstrich außerdem, dass seit der Pilotphase im Jahre 1981 eine enge „personelle, wie inhaltliche“ Verbindung zu Gießener Bürgern bestehe. Hinweisend auf Prof. Hermann K. Ehmer von der Justus-Liebig-Universität, der das Projekt konzipiert hatte, würdigte sie die heute überwiegend ehrenamtliche Arbeit. Ausgebildete Kunstpädagogen, aber vor allem auch Studierende begleiteten seit 1981 kontinuierlich Insassengruppen aus der JVA, und zeigen damit „gesellschaftliches Engagement“.
Die Kunstprojekt-Leiterin Regina Börke erinnerte in ihrer gehaltvollen Einführung daran, dass es ein Insassenvertreter selbst war, der sich seinerzeit an den Gießener Professor wandte, und nach einem kunstpädagogischen Angebot fragte. Zur prägenden Leitidee des Kunstprojekts gehört seither, mithilfe der ästhetischen Praxis die kreativen Potentiale der Häftlinge zu fördern und erlebbar zu machen, um über eine „sinnvolle Freizeitgestaltung“ Selbstbefragungen zu initialisieren und zur Reflexion anzuregen. Zudem soll der Radius zur „Selbstdarstellung und Selbsterfahrung“ durch die künstlerische Gestaltung vergrößert werden.
Die derzeitige Ausstellung zeigt welche kaleidoskopische Gestaltungsvielfalt dies konkret nach sich ziehen kann: Zeichnungen mit Farbstift und Kuli, Acrylfarbe auf Leinwand, figürliche Plastiken, Video und fotographische Kunstwerke sind im KiZ versammelt. Neben Szenen und Beobachtungen aus dem Knastalltag (etwa Zellen-Ausschnitte, (teils imaginierte) Blicke aus Fenstern, Häftlinge bei ihrer handwerklichen Tätigkeit) sind es vor allem Arbeiten die das Innenleben zum Ausdruck bringen (Familienzeichnungen, Selbstportraits) – Anrührend, berührend und manchmal auch irritierend. Neben den freien Gestaltungen nehmen thematisch gerahmte Aufgaben (z.B. „Ich und andere“, „Doppelportraits“), die auch in Gruppen- und Partnerarbeit entstehen, einen großen Raum ein.
Über die praktische Arbeit in der JVA Butzbach informiert zudem ein reichbebildeter Katalog „Kunst im Knast 3“, der von der Gefangenenhilfe Butzbach e.V. herausgeben und finanziert wird. Es lohnt sich, den Katalog zu erwerben. Er gibt nicht nur dank des Beitrags von Prof. Marcel Baumgartner (Kunsthistoriker JLU) eine Einführung zum Thema „Knast und Kunst“, sondern schildert sehr direkt die Projekte vor Ort. Zudem sind Kommentare von Häftlingen abgedruckt, die die seelischen Befindlichkeiten dem Leser vor Augen führen können, wie etwa folgender Auszug aus den Notizen von Volker Engel:
„Beim Zeichnen fühle ich mich meinem Sohn auch hier in der Haft wesentlich näher. Außerdem gibt es mir eine gewisse Ruhe und die Möglichkeit, meine eigene Kreativität zu entdecken.“
Ansehen kann man sich die Ausstellung noch bis zum 30. Oktober 2011 im KiZ.
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