Die Welt auf drei Zeilen gezoomt
14. September 2011 | Von Marko Karo | Kategorie: KunstAls Begleitprogramm zur Ausstellung „1000 Blumen“ von Hiroyuki Masuyama gab es am Sonntagabend (11. September) einen in japanischer Tradition stehenden „Haiku“-Abend in der Kunsthalle Gießen. So kam auch in die Lahnstadt was mittlerweile Menschen globusweit in Haiku-Treffen miteinander teilen: 3-Zeilen-Gedichte.
In ihrer Begrüßungsansprache bekannte sich die leitende Kuratorin Frau Dr. Ute Riese zu ihrer Haiku-Leidenschaft und freute sich, dass nun ein von ihr lang gehegter Wunsch nämlich ein Haiku-Treffen auszurichten, endlich Wirklichkeit wird. Das Haiku (gesprochen Hai / ku) ist eine im japanischen Sprachraum verwurzelte Gedichtform, die zu den kürzesten Exemplaren ihrer Gattung zählt und durch eine Reihe von Konstruktionsregeln gekennzeichnet ist. Charakteristisch ist ein dreizeiliger Aufbau mit einem 5-7-5 Silbenrhythmus. Hält man sich streng an die Konvention bezieht sich die erste Zeile auf eine Jahreszeit, entweder durch ein Zeitwortnennung oder eine entsprechendes Symbol oder Allegorie. Die zwei folgenden Zeilen sind den Schilderungen eines konkreten Bildes oder Natureindrucks vorbehalten, die in einer überraschenden Wendung gipfelt. Die jahrhundertealte Tradition lebt heute weltweit in geselligen Haiku-Treffen, bei denen zusammen gedichtet wird, fort.
Die inspirierende Wirkung eines solchen Wort-Happenings war am Sonntagabend in der Kunsthalle mit Händen zu greifen. Der professionelle Sprecher und Fernseh-Redakteur Daniel Kopp sorgte mit seiner freundlichen Moderation für eine respektvolle Atmosphäre. Nach einer knappen kulturhistorischen Einordnung und der Skizze der literaturtheoretischen Spezifika, stellte Daniel Kopp ausgewählte Haiku vor und bestärkte die Besucher, sich selbst einmal kreativ darin auszuprobieren. Bei einer Tasse Grünem Tee, die von Kunsthallen-Mitarbeiterinnen ausgeschenkt wurde, vertiefte sich schnell Einjede(r) ins Dichten.
40 Haiku kamen so innerhalb von einer knappen halben Stunde zusammen. Daniel Kopp trug sie alle mit viel Einfühlungsvermögen und mit samtweicher, wohlakzentuierender Stimme vor. Ab dieser Woche können auf der Homepage der Kunsthalle Gießen alle Haiku nachgelesen werden. Darunter auch folgender (nicht ganz mustergültiger) Versuch des hier schreibenden Autors:
Englisches Wetter
Es gießt hinab in Strömen
Ich sitzt vor 1000-Blumen.
Arigato!
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