Wie ein Ei dem anderen – Müdigkeit am Seriellen
5. September 2011 | Von Marko Karo | Kategorie: Kunst, LebensstileDie Gruppen-Ausstellung „Du willst es doch auch …“ in der Galerie am Bahndamm zeigt auffällig Verdruss am Uniformen. Die von der Lebenshilfe Gießen betriebene Galerie beherbergt derzeit 9 Künstler_Innen aus 4 Ateliers (Köln, Hamburg, Berlin, Gießen) mit ihren artifiziellen Gebilden und Gemälden, die alle auf die letzten Jahre datiert sind.
An prominenter Stelle hängt Malu Thörens (Blaumeier-Atelier) „Mal den Bückling“. Mit dickem Farbauftrag hat sie auf der Leinwand doppelreihig 50 Bücklinge ordentlich aufgereiht. Nicht nur ein offenkundiger Fingerzeig auf die industrielle Fertigung unserer Nahrung, sondern auch an die Eintönigkeit unseres kulinarischen Alltags (Man denke etwa nur an den Mittagstisch). Auch Marina Sonnenbergs „Kinderwagen“ – aus Zaundraht gedrehte Kindervehikel-Abstraktionen – machen auf die Macht der Gewohnheit aufmerksam. Wie ein Gefängnis des Normalen umspannen sie bereits den Säugling mit guten Ratschlägen und liebender Fürsorge der Eltern und Verwandten.
Was daraus werden kann, hat Johannes Dechau (Die Schlumper) mit seinem mehrblättrigen Collagenzyklus „Lady Luck“ als sinnentleerten Biopic mit unterschiedlichen Materialien zusammengebastelt. Eine weibliche Identitäts-Hybride, die im erzählenden Gestus der Comic-Art, ihre körperlichen Reize zur Schau stellt, macht mal im Kloster oder vor einem Eroscenter rum – hilfloses Selbstmarketing.
In ähnliche Richtungen weisen die Arbeiten von Anna Rossa (Kreative Werkstatt Allerhand) und Rabka Mehr. Sie verbindet ihr provokativer Kommentar auf den Shopping-Glamour, den sie ins Werk setzen: Bei Rossas „Hugo Boss“, „Gucci“ und „Vogue“ posieren geschlechtslose Figurinen mit eckigen Mündern, grellfarbig neben schwarzen Flächen von Nichts, die sie zu verschlingen drohen. Die Münder sind zur Aufnahme geöffnet und warten auf den nächsten Modetrend, den sie sich einverleiben können. In Rabka Mehrs (Die Schlumper) „Douglas“ und „Kaufhof“ sind Konsumprodukte auf Packpapier gemalt. Mit unprätentiöser Schwarz/Weiß-Wasserkasten-Färbung macht sie auf die reizlose Warenwelt aufmerksam.
Ausdrucksstark sind auch die vier „Spiegeleier“ von Birgit Gigler (Atelier23) die sich zwar nicht mehr wie ein Ei dem Anderen gleichen, sich aber irgendwie doch und immer noch ungemein ähnlich sehen.
Im Gästebuch steht „schöne und witzige Bilder“ – stimmt. Zu ergänze wäre nur noch: gehaltvoll. Sehenswert!
19. AUGUST – 19. NOVEMBER
GALERIE AM BAHNDAMM
LUDWIGSTRASSE 51, GIESSEN
Öffnungszeiten:
Do, Fr : 16 – 19 Uhr
Sa: 13 – 16 Uhr
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