Outdoor-„Woyzeck“. Theatrales Abenteuer mit Gegenverkehr
17. August 2011 | Von Sylvia Lutz | Kategorie: Kunst, TheaterAUF DER LAHN. Der Regengott hatte erbarmen: Pünktlich zur zweiten Vorstellung von „Die Straße der Stummen Bilder“ legte der Dauerregen am vergangenen Freitag (12. August) um 19 Uhr eine Pause ein. Etwa 40 Zuschauer hatten sich für die zweite Runde am Lahnufer bei der Gießener “Marinestube” eingefunden, um sich im Kanu zu dritt oder im 10er-Schlammbeißer-Boot eine originelle Inszenierung von Büchners „Woyzeck” zu erpaddeln.
Angekündigt als „Klanginstallation auf der Lahn“, war der Outdoor-Theaterabend, organisiert von der „Blauen Laterne“, vor allem durch das außergewöhnliche Ambiente und das intensive Spiel der Darsteller geprägt – die Hauptrolle war allerdings der Lahn selbst vorbehalten. Die Regisseurin Dagmar Titsch hatte an den Uferseiten Fragmente aus Büchners Drama zu sechs szenischen Bildern eingerichtet. Das Publikum war mit eigener Muskelkraft aufgefordert, die Stationen anzufahren und das Geschehen zwischen Bäumen und Gräsern vom Wasser zu beobachten.
Die Geschichte des einfachen Soldaten Woyzeck, der von Wahnvorstellungen heimgesucht und von seiner Umwelt schikaniert am Rande der Gesellschaft lebt, wurde in diesen wenigen atmosphärisch dichten Szenen eindrücklich erzählt. Dabei verzichtete Dagmar Titsch auf das gesprochene Wort und setzte ganz auf die Expressivität der Darstellung und die Kraft der Musik. Die Klangkompositionen (Jörn Boldt) verknüpften oft die verschiedenen Spielorte und verbanden so musikalisch die Darbietungen. In einem Faltblatt zur Inszenierung konnte zudem die Handlung nachvollzogen und nachgelesen werden.
An den Stationen traf der Zuschauer auf insgesamt drei verschiedene Woyzeck-Interpreten und drei Marien, wobei jeder Darsteller die literarische Figur auf seine Weise mit Leben erfüllte. Das Aufbrechen der Einheit von Schauspieler und Figur ermöglichte so einen ganz persönlichen Blick auf das Stück. Ein historisch anmutendes Kostüm, das entscheidende Requisit, beleuchtet von einem einzigen Scheinwerfer und fertig war die Szenerie: Mit sparsamsten Mitteln auf der einen und einem Reichtum in der Figurenzeichnung auf der andern Seite, zog die Inszenierung die Betrachter in ihren Bann. Zwar handelte es sich nicht um professionelle Schauspieler, doch gerade weil die Darsteller nicht hinter ihrer Figur verschwanden, wurde aus Woyzeck ein Mensch wie du und ich, dessen Schicksal berührte. Schade, dass die Regie derart auf Effekte setzte, auch bei der Musik, – derer hätte es nicht bedurft.
Die große Spielfreude aller und das Gemeinschaftserlebnis auf dem Wasser machten „Die Straße der Stummen Bilder“ zu einem kleinen, charmanten Abenteuer – vor allem bei Gegenverkehr. Außerdem bot sich so nicht zuletzt die Gelegenheit, ein auf dem Landweg unzugängliches Lahnufer zu entdecken. Beim Zurückpaddeln durch die idyllische Naturkulisse, konnte man dann die Geschichte noch einmal in umgekehrter Reihenfolge am Wasserfahrzeug vorbeiziehen lassen. Von dem verdienten Applaus gab es bereits nach jeder einzelnen Darbietung reichlich.
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