In der literarischen Kürze liegt die Würze

25. Januar 2011 | Von | Kategorie: Literatur

GIESSEN. Was haben Novalis, Nietzsche, Karl Kraus, Elias Canetti und Lichtenberg gemeinsam? Sie schrieben gerne Aphorismen.  Dass es eine Reihe von Literaten gibt, die den Prosaminiaturen bis heute treu geblieben sind, zeigt die Anthologie „Neue Deutsche Aphorismen“. Sie wurde am vergangenen Freitag (21. Januar 2011) von den Mitherausgebern gemeinsam mit dem Literarischen Zentrum Gießen vorgestellt.

v.l. Eilers und Grüterich

Nach 2-jähriger Recherche haben die Herausgeber Alexander Eilers und Tobias Grüterich im März 2010 die „Neuen Deutschen Aphorismen“ veröffentlicht. In ihrer Zusammenschau sind insgesamt 91 Autoren aus dem deutschsprachigen Raum versammelt. Kennengelernt haben sie sich beim jährlichen Aphoristikertreffen in Hattingen und aus der geteilten Liebe zu der Kurzform erwuchs der Wunsch „die Lebendigkeit des deutschen Gegenwartsaphorismus unter Beweis zu stellen“ (Eilers). Zudem wollen sie mit dem Buch dem Stereotyp entgegentreten, Aphorismen entstehen überwiegend in den Köpfen von schreibenden Senioren und seien eine arrivierte Kunstgattung. Wie Willi Huntemann in seiner Rezension zur vorgelegten Anthologie richtig feststellt, müsste der Aphorismus eigentlich En Vogue sein, doch: “Im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit spielt der Aphorismus praktisch keine Rolle mehr …“.

Um dem Aphorismus (und ihrem Buch) zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, haben die Herausgeber zusammen mit dem Literarischen Zentrum zur Lesung eingeladen. Unterstützt wurde das Moderatorenduo von drei Gegenwartsautoren. Sulamith Sparre, Franz Hodjak und Ulrich Horstmann sind Aphoristiker, haben aber daneben auch Romane, Essays sowie fiktionale und nichtfiktionale Prosa verfasst.

Die Form des Aphorismus entzieht sich dem einfachen Abnicken und zur Kenntnis nehmen und bewegt sich wie Alexander Eilers betonte zwischen „Humor und Ernsthaftigkeit”. Wahlverwandt mit dem Bonmot legt der Aphorismus Spuren aus, denen man folgen, sich aber auch von den anschließenden Gedankenketten verwirrt abwenden kann. Der Aphoristiker tänzelt zwischen dem Lyriker und dem investigativem Journalisten hin und her. Der Aphorismus will verstören. Auch dadurch, dass sich in ihm die Kraft des geschriebenen Wortes konzentriert, deren wörtlichen Wahrheiten infiziert sind mit „Lügen, Irrmeinungen, kollektiven Wahrnehmungsstörungen und Dogmen, gleich einer Gassenhure mit Syphellis“ (Arthur Schopenhauer).

Franz Hodjak

Aphoristiker nehmen die Sprache gerne beim Wort und – wie soll es auch anders sein – persönliche Beobachtungen zum Anlass, die sie mit den sozio-kulturellen Diskursen oder der Lebenswelt konfrontieren. Mit dem Aphorismus wandert der Lesende auf dem schmalen Grad von Lakonie und Tiefsinn. Wie diese Schnittmenge von Humor und Ernsthaftigkeit gedacht werden kann, klang gleich zum Auftakt der Autorenlesung, beim Ingeborg-Bachmann-Preisträger Franz Hodjak an. Neben den Aphorismen aus der Anthologie, wie etwa: „Vorurteile sind Erfahrungen, die man nicht gemacht hat“; oder: „Man kann nichts auf der Welt erzwingen, nicht mal das eigene Unglück“, las Hodjak auch aus seinem Band „Was wäre schon ein Unglück ohne Worte“ (2006). Darin findet sich der Aphorismus:

„Im Unterschied zum Humor, löst der schwarze Humor nicht nur spontanes Lachen aus, sondern auch ein Nachdenken darüber, weshalb das so schwarz ist, worüber man gerade gelacht hat“.

Der Aphorismus passt zu einem Lebensgefühl, das von einem „Widerspruchsgeist“ (Grüterich) inspiriert ist und auch weiterdenkt, wo andere durch übliche Fixiersysteme sich ihr eigenes Denken definieren lassen. In Hodjaks Worten hörte sich dies so an: „Da alle bemüht sind die Kinder nach ihrem Ebenbild zu erziehen, laufen so wenige Originale herum“.

Sulamith Sparre

Der protestierende Impetus der den Aphorismus allgemein kennzeichnet, war auch für die Arbeit an der Anthologie prägend, wie Tobias Grüterich während der Moderation feststellte. Auch bei Sulamith Sparre konnte man diesen Wesenszug entdecken. Feinsinnig deckte sie die propagandistische Form der Sprache auf und entwickelte unter anderem aus dem Gedanken der „Non-Stop-Gesellschaft“ eigene Geistesblitze. Originell wenden sich Sparres Aphorismen insgesamt gegen das Wording der Meinungsmacher und Medien, in dem sie sie wie ein umgekehrtes Brennglas einsetzt, um das eintönige Licht in seine Grundfarben aufzufächern: „Der Gedankenlose gibt noch das gesparte Leben seiner Vorfahren aus“; oder: „Ich brauche keine Zeitkultur und kein Zeitmanagement – ich brauche Zeit“.

Prof. Ulrich Horstmann

Vor Sulamith Sparre hatte der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Ulrich Horstmann (Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen) aus seiner Notatensammlung „Hoffnungsträger“ (2006) vorgetragen. Und wie er selbst eingangs kommentierend hinzusetzte, wollte er auch „üppigere Varianten“ vorstellen. Ulrich Horstmanns wortgewandte Untersuchungen und gehaltvolle Pointierungen kamen durch die Hintertüren der Sprache, um auch die Gemeinplätze der Wissenschaft zu dechiffrieren. Herausgehoben sei sein Aphorismus zur Diskussion um das Ende der Autorschaft in der postmodernen Literaturwissenschaft:

„Im Riesensarkophag ohne Fenster. Da vorne am Katheder spielt ein Kollege das Lieblingsspiel der Zunft, das Wegvernünfteln von Urheberschaft und Originalität, die Vertreibung des schöpferischen aus der Literatur. Wer den Autor abschafft, so das unausgesprochene Kalkül, wird seine Autorität erben. In Wahrheit bleibt nur eine vollgeplapperte Leere. Die gedeckelte Grube die man dem Anderen grub und in der man jetzt gegen den Beton anredet wie ein Buch.“

Elisabeth Torvold

Nahezu am Ende der Autorenlesung kam es noch zu einer Überraschung. Ermuntert durch Alexander Eilers, trug die im Publikum sich befindende Dichterin Elisabeth Turvold (Grünberg), selbst noch einige ihrer Aphorismen, die in die Anthologie aufgenommen wurden, vor. Darunter war: “Freiraum braucht man um sich zu fangen“.

Die angespannte Stille während der gesamten Veranstaltung verriet, wie viel nachdenklicher Aufmerksamkeit es beim Interpretieren der Aphorismen bedarf. Dem ein oder anderen Gedanken haben sicher weite Teile des Publikum noch zuhause bei einem Glas Rotwein nachgehangen oder sich im Gießener Nachtleben von der Seele getanzt.

NEUE DEUTSCHE APHORISMEN | Bibliographische Angaben und Autorenübersicht unter: http://www.aphorismania.de/nda/

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