Thomas Bachler zeigt unter dem Titel „Das Auge sieht mit“ ungewöhnliche Fotografien, Fotogramme und Fotobücher im Kunstverein

20. Mai 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Allgemein

Vom Luftgewehr als Auslöser und Stasi-Akten als künstlerisches Material

MARBURG. Es ist die bisher größte Einzelausstellung mit Arbeiten von Thomas Bachler (* 1961), die derzeit im Kunstverein zu sehen sein wird. Der gebürtige Detmolder ist eine der wenigen zeitgenössischen Fotokünstler, der mit der Camera Obscura, der simplen Lochkamera arbeitet und experimentiert. Dass Bachlers Verwendungsweisen dieser Aufnahmetechnik äußerst vielseitig sind, davon kann man sich unter dem Titel „Das Auge sieht mit“ bis zum 24. Juni überzeugen.

Im Erdgeschoss begegnet dem Besucher zunächst eine Installation aus Stativen, die beim Pressegespräch lediglich erst ein Gerüst ist, aber laut Bachler zu einer „rot schimmernden Zeltstadt“ werden soll. Im Treppenhaus hängt die einzige farbige Fotoarbeit der opulenten Ausstellung. Ein großformatiges Auge, in dessen Pupille ein Passfoto zu sehen ist. Bachler erklärt, dass er irgendwann herausfand, dass man im Auge seines Gegenübers sehen kann, was er gerade sieht. Die Arbeit „Augenblicke“, die Treppenhaus wie Broschüre ziert, dokumentiert dieses Phänomen eindrucksvoll.

Im ersten Stock begegnen dem Betrachter dann zwei sehr unterschiedliche Werkreihen: In einer langen Serie führt Bachler die ausufernden Bezeichnungen für Berufsbilder ad absurdum und hat dafür mit seiner Dresdner Kollegin Karen Weinert normale Bürger als „Teilzeit-Heimwerker“, „Abrissökonomen“ oder „Berufsdemonstranten“ für Schwarzweißfotografien inszeniert. In der zweiten Reihe stehen sich Porträts stilistisch gegenüber: Einmal die schwarzweißen und weichgezeichneten Langzeitaufnahmen Bachlers und die Ölgemälde seines Kollegen Matthias Weiß. Die abgebildete Person ist dabei jeweils dieselbe.

Im Hauptraum des ersten Stocks begegnet dem Betrachter schließlich Miniaturformaten, für die Bachler seinen Mundraum als Kamera eingesetzt hat. Vorm Spiegel hat er mit Hilfe von besonders positiv arbeitendem, schwarzweißem Fotopapier Selbstporträts geschaffen, die quasi im Mundraum als Lochkamera durch eine Kurzbelichtung in einer Dunkelkammer entstanden sind. Auch Luftgewehre erklärt der 49-Jährige schon mal zum Auslöser, indem er einen Kasten mit Negativ-Rückseite durchschießt und so Aufnahmen einer Parkbank erstellt. Daneben hängt gleich eine Serie von Bildern, die in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Celle entstanden sind. Bachler hat dafür den Winkel auf bis zu 160 Grad vergrößert, um jeweils Blicke in Innen- und Außenräume von Wohnungen und Straßenzügen einzufangen.

Einen besonders herausragenden Teil der Ausstellung stellen besondere Fotobücher zur DDR-Geschichte dar. Bachler hatte von oberster bundesbehördlicher Stelle schon vor Jahren die Erlaubnis erhalten, Fotografien aus ehemaligen Stasiakten künstlerisch zu verarbeiten. Aus den Buchdeckeln der Werke zu Planwirtschaft, Marx, Thälmann und Co. hat er dann jeweils einen Teil herausgeschnitten und Fotos aus den Stasiakten eingefügt.

In der Serie „Fallstudien“ hingegen hat Bachler Fotogramme von Revolvern, Mülltüten oder Heftpflastern angefertigt. Diese Objekte werden von Bachler auf Fotopapier gelegt und belichtet. SO entstehen in der Tat spannende Schattenbilder, die nicht immer gleich auf den abgelichteten Gegenstand schließen lassen. Bachler selbst nennt es „Stillleben von flüchtigen Momenten, die den Gegenständen erlauben, sich mit einem hellen Schweif auf die beginnenden Auflösung vorzubereiten“. Insgesamt eine bemerkenswerte Fotoausstellung, die in ihrer Stilistik vergleichbares sucht. Vernissage ist am Freitag um 18 Uhr.

Thomas Bachler lebt seit 2003 in Dresden und ist Mitglied des Deutschen Künstlerbundes, des Künstlerbundes Dresden und der Neuen Photographischen Gesellschaft.

verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar