Matthias Faltz stellt seinen Antrittsspielplan als neuer Intendant am Theater Marburg vor
26. April 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Allgemein13 Schauspielpremieren, sieben Kooperationen und Gastspiele, ein Junges Theater, der Umbau des Foyers, zwei Umbenennungen, eine neue Internetadresse, ein Bonussystem für Zuschauer und ein Dutzend neuer Schauspieler – alles neu macht nicht nur der Mai, sondern im Falle des Hessischen Landestheaters auch die Intendanz Matthias Faltz. Der 49-Jährige Theatermann stellte im Rathaus seinen wahrlich imposanten Antrittsspielplan vor
MARBURG. Das Hessische Landestheater hat nicht nur eine neue Internetadresse, sondern zeigt auch bereits sein neues Gesicht, das ab der kommenden Spielzeit verlockend strahlt. Mit einem Drei-Premieren-Wochenende vom 17. bis 19. September wird Faltz nach 20 Jahren die Ära Ekkehard Dennewitz endgültig ablösen. Mit einem nur geringfügig erhöhten Budget, aber verschiedenen personellen wie kooperativen Umstrukturierungen bietet Faltz dafür ein Programm auf, gegen das die letzten Marburger Spielzeiten wie der reinste Dornröschenschlaf erscheinen.
Shakespeare, Wilson und Marlene Dietrich
Mit Shakespeares „Hamlet“ in der Bearbeitung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec startet die Spielzeit auf der „Bühne“, wie das Tasch 1 (Theater am Schwanhof) dann heißt. Zudem wird es, als Anspielung auf den vergrößernden Umbau des Foyers, einen „Pas de deux mit einem Bagger“ sowie viel Freiluftspektakel zu sehen geben, so Faltz. Inszenieren wird den „Hamlet“ Gerald Gluth-Goldmann, der bereits in Dresden als Oberspielleiter und Hausregisseur gewirkt hat.
Am 18. September dann wird „Black Rider“, das Kultmusical nach Webers „Freischütz“ von Tom Waits, Robert Wilson und William S. Burroughs in der Regie des Marburger Intendanten in der Stadthalle Premiere haben. Dabei wird bereits die augenfällig häufige Kooperation mit den Gießener Theaterwissenschaften deutlich: Andreas Mihan und René Liebert, ehemalige Studenten des hiesigen Instituts, werden für das Lichtdesign verantwortlich zeichnen.
Mit einem „Theater der Finsternis“, das durch die Ortsansässigkeit der Deutschen Blindenstudienanstalt (BlistA) kaum besser nach Marburg passen könnte, geht die Spielzeiteröffnung schließlich weiter. Shakespeares „Sturm“ wird Regisseur Veit Kassel als Vorlage dienen, ein „Theater der Lichtlosigkeit in all seiner Logik des Unbewussten“ zu entwerfen. Für Ton und Klang wird der bereits mehrfach ausgezeichnete Gießener Theaterwissenschaftler Björn SC Deigner verantwortlich zeichnen.
Valentin, Webber und Brecht
Mit einem Karl-Valentin-Abend am 25. September und einem Marlene-Dietrich-Abend namens „The Kraut“ als Gastspiel sowie „Rumble“ der Hip-Hop-Theatergruppe „Renegade“, die laut Faltz regelmäßig in Marburg auftreten wird, geht es im Herbst weiter.
Zwei weitere spannende Schauspielpremieren dürften bis Ende Oktober für Spannung sorgen: eine von Kerstin Weiss geschaffene Bühnenfassung von Fontanes „Effie Briest“ (ab 17. Oktober im Fürstensaal) und Dirk Lauckes Halbstarken-Posse „Wir sind immer oben“ (30. Oktober, Black Box, ehemals Tasch 2).
Ein großes Projekt der neuen Intendanz ist die Kooperation in alle Richtungen, vor allem mit dem Landestheater Coburg, mit dem man zusammen Lloyd Webbers „Evita“ produzieren wird, das noch vor der Adventszeit Marburg-Premiere haben soll.
Ein „Woyzeck“-Gastspiel der Gießener Theaterwissenschaftler Malte Scholz und Boris Nikitin sowie die satirische Komödie „Der Selbstmörder“ nach Nikolaj R. Erdmann folgen ebenfalls noch 2010. Ein kleiner Höhepunkt folgt am 1. Dezember, wenn Kultmoderator Jörgen Kuttner mit seinem Videoschnipselvortrag auf der „Bühne“ zu Gast sein wird. Am 11. Dezember werden außerdem Jean-Paul Sartres „Schmutzige Hände“ in der Regie von André Rössler Premiere feiern. Eine kontinuierliche Brecht-Reihe wird der Regisseur und Autor Stephan Suschke besorgen. Suschke arbeite von 1987 bis zu zu dessen Tod eng mit Heiner Müller am Berliner Ensemble zusammen. Suschke wird Brechts „Baal“ ab dem 16. April auf der „Bühne“ zeigen.
Deutliche Kooperationen mit Gießener Theaterwissenschaft
Mit „Ich Jeanne – Das Leben der Jeanne d’Arc“ startet schließlich das neue Jahr. Faltz’ Inszenierung ist eine Übernahme vom Jungen Staatstheater Wiesbaden, das Marburgs neuer Intendant bis dato geleitet hat. Und ein Junges Theater etabliert er auch an der Lahn. Dramaturgin Eva Bormann und die beiden Schauspielerinnen Annnette Müller und Oda Zuschneid werden ein sieben Premieren zählendes Programm zeigen, das mit der Uraufführung einer Bühnenfassung von Janoschs „Mäusesheriff“ am 2. Oktober beginnen wird. Mit Ingebor von Zadows „Pompinien“ (Premiere am 2.April), die in den 90ern in Gießen studierte, gibt es auch dabei eine indirekte Kooperation mit den hiesigen Theaterwissenschaften. Die bestens etablierte Kinder- und Jugendtheaterwoche wird dennoch weiter Bestand haben.
Die Position des Oberspielleiters hat Intendant Faltz abgeschafft. An seiner Seite stehen seine Stellvertreterin Dr. Christine Tretow als Direktorin für Organisation und Marketing, der neue Chefdramaturg Alexander Leiffheidt sowie die neue und alte Dramaturgin Annelene Scherbaum, Miriam Kaufmann (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit), die Theaterpädagogen Michael Pietsch und Mareike Götza sowie Jürgen Sachs (Theater und Schule) und Barbara Kuch (Musikalische Leitung).
Für die Zuschauer wird es ein Bonussystem in Kartenverkauf geben, so dass jeder zehnte Besuch gratis ist. Auch für Studenten gibt es jeden ersten Monat des Semesters Karten für fünf Euro pro Vorstellung.
Verschiedene neue wie alte Angebote („Nachtschicht“, „Science Slam“, Theater-Jugendclub und „Labor“) runden das reichhaltige Programm ab. Allerdings wird Schloss Rauischholzhausen zunächst nicht bespielt, da Faltz erstmal in Marburg ankommen möchte. Dafür gibt es am 17. Juni mit Molières „Don Juan“ ein pompöses Freiluftspekatkel auf dem Marktplatz der Oberstadt. Auch einen „Theatersommer“, der sich um die Freiluftaufführung gruppiert, will Faltz anregen.
Schon die neue Internetadresse zeigt es: Intendant Faltz will Theater für die Stadt machen, will das bürgerliche, universitäre wie studentische Publikum gleichermaßen für sich gewinnen. So wie es aussieht, könnte ihm das, nicht nur durch die herrlich gestalteten Spielplanbücher, durchaus gelingen.
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