„Alter Ford Escort blau“ und „Harper Regan“ feiern am Stadttheater Premiere

26. April 2010 | Von | Kategorie: Aufmacher

GIESSEN. Zwei wohlverdiente Premierenerfolge sah der Gießener Anzeiger und ist dabei voller Begeisterung für Kyra Lipplers Harpe-Solo, und auch die Gießener Allgemeine zeigt sich im TiL und im Großen Haus gut unterhalten. Da kann sich die Kulturspionage nur anschließen.

In zwei zeitgenössischen Stücken thematisiert das Stadttheater Gießen seit dem Wochenende individuelle Versuche, aus Gesellschaftsverhältnissen auszubrechen. Einmal mit einer Geschichte aus der ostdeutschen Unterschicht, einmal in der englischen Mittelschicht-Variante: In Dirk Lauckes drittem Theaterstück „Alter Ford Escort dunkelblau“ treten Paul, Schorse und Boxer in genannter Kiste die Flucht nach vorne an. Ihr Ziel: das dänische „Legoland“, wo sie allerdings nie ankommen. Die drei jungen Männer stecken fest in einem Leben aus Perspektiv- und Chancenlosigkeit. Außer Paletten stapeln zum Hungerlohntarif läuft nicht viel. AC/DC-Fan Schorse hat zudem mit der gescheiterten, in Hassliebe eingefrorenen Beziehung zu Ehefrau Karin zu kämpfen und kann seinen eigenen Sohn am Ende nur noch entführen, um ihn zu sehen.

Regisseur Dirk Schulz macht im Theaterstudio TiL aus der Geschichte, was sie letztlich ist: eine ziemlich rüde Milieustudie. Schulz lässt die Schlagworte des Abends in schrillen Comicblasen von der Decke hängen. „Würde“, „Alimente, „Scheiße“ und „Zeit“ sind noch vor der ersten Szene zu lesen. Und dass für die drei Antihelden alles zum ganz persönlichen „Bitterfeld“ wird, versteht man zwischen all dem Slang und Gossendeutsch relativ schnell.

Das Publikum sitzt auf Plastikstühlen ziemlich eng um den Bühnenbereich gruppiert. Die Schauspieler sitzen auf Barhockern oder stehen rum. So entsteht der Charme eines Tresen-Theaters, das die verschiedenen Textebenen aus inneren Monologen, Botenberichten und Dialogszenen flexibel aufgreift. Milan Pesl (Paul), Frerk Brockmeyer (Schorse) und Dominik Breuer (Boxer) spielen die  kleinkriminellen Unterschichtstypen und liebenswerten Verlierer souverän und mit viel Verve. Auch Carolin Weber bringt in pinker Leggins, mit Nasenring und Tatoo eine glaubwürdige Plattenbauprinzessin aufs Tapet.

In „Harper Regan“ versucht eine Frau Anfang 40 den Ausbruch aus Beruf, Alltag und Ehe. In dem Stück des britischen Dramatikers Simon Stephens will Harper Regan ihren im Sterben liegenden Vater besuchen. London – Manchester, die Entfernung wird schier unüberwindbar, gerade weil Harpers Boss Elwood Barnes (Christian Fries) ihr die Fahrt verbietet und so der solide Mittelklassejob in einer florierenden Spedition in Gefahr gerät.

Regisseur Klaus Hemmerle, erstmalig am Stadttheater Gießen tätig, macht aus dem feinfühligen Stoff einen berührenden Reigen. Ausstatter Andreas Wilkens hat dafür einen riesigen Quader mit Regalen und Nischen wie aus einem Büroartikellager gebaut. Die konsequent eingesetzte Drehbühne unterstreicht die simple Dramaturgie. Hemmerle lässt außerdem Statisten minimal im Hintergrund agieren, was der Inszenierung einen angenehm gespenstischen Charakter verleiht.

Schauspielerin Kyra Lippler gibt als Harper ein herausragendes Solo. Lippler zeigt eine Frau, die oft neben sich zu stehen scheint, dann wieder resolut und sensibel zugleich ist. Als Harper ohne ein Wort zu sagen doch nach Manchester aufbricht, ist ihr Vater schon gestorben. Harper geht in sich und erlebt in ihrer alten Heimat zwei Tage lang merkwürdige Begegnungen. Eine schwangere Krankenschwester (Irina Ries), ein verkorkster Journalist namens Mickey (Rainer Hustedt), den jungen Tobias Rich (Gunnar Seidel) und schließlich noch ihr spontanes Blind Date James (Christian Fries). Der Besuch bei ihrer verhassten Mutter (Petra Soltau) und dem nicht minder sympathischen Stiefvater (Harald Pfeiffer) machen den Aufenthalt nicht besser.

Doch am Ende kehrt Harper bestärkt in ihr altes Umfeld, zu Tochter Sarah (Anne Berg) und Ehemann Seth (Roman Kurtz) zurück. Der Ausbruch war irgendwie der Einbruch in eine bessere Zukunft. Das Premierenpublikum beklatschte den berührenden Abend nicht lautstark, aber lang anhaltend.

Weitere Aufführungen am 1., 8. und 15. Mai. „Alter Ford Escort dunkelblau“ jeweils ab 20 Uhr im TiL, „Harper Regan“ ab 19.30 im Großen Haus am Berliner Platz.  Kartentelefon: (0641) 79 57-60;-61.  Bilder: Engelke/Wegst



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