Oberhessisches Museum erhält bedeutende 14-teilige Kunstsammlung

24. März 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Kulturpolitik

Deutscher Expressionismus, russischer Konstruktivismus, Spät-Impressionismus und Neue Sachlichkeit – nicht nur, dass sich an dieser Sammlung schon die Kunstgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts studieren ließe. Was Dr. Hermann Schüling, Direktor a. D. der Universitätsbibliothek,  jüngst dem Oberhessischen Museum offiziell als Schenkung übergeben hat, ist gerade in diesen Zeiten knapper Kassen ein unbeschreiblicher Gewinn für die Städtischen Sammlungen

Titellos: Ein Ölgemälde Man Rays. Bilder: ROstoff

GIESSEN. Die ersten der 14 hochkarätigen Zeichnungen, Ölgemälde, Grafiken und Gouachen haben bereits ihren Weg in die Restaurierung angetreten. Im Rückblick auf die großen Verluste an Kunstbeständen im Zweiten Weltkrieg und die erfolgreichen Zuwächse sowie die Etablierung von drei Museumsgebäuden in den 70er Jahren, nannte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz die Schenkung Schülings einen „besonderen Glanzpunkt“.

Zilles „Miiljöh“ – Man Rays Kussmund

„Gerade bei den Künstlern dieser Sammlung fällt auf, dass sie engagiert für die Menschen eingetreten sind und auch das Proletariat berücksichtig haben“, so Grabe-Bolz hinsichtlich „Milljöh“-Chronist Heinrich Zille (1858 bis 1929), von dem die Kohlezeichnungen „Schulkinder“ und „Dienstmädchen“ in der Sammlung vertreten ist. Auch der russische Konstruktivist El Lissitzky (1890 bis 1940), mit einer geometrisch anmutenden Gouache-Collage vertreten, oder HAP Grieshaber, der „nicht nur die Antike widerspiegeln wollte, sondern auch die unmittelbaren Impulse der spätmittelalterlichen Zeit und des Bauernaufstandes ins Heute übertragen“, passen laut Grabe-Bolz in dieses Bild.

Die beiden Grieshabers, ein Ölgemälde und eine Gouache, treten heute als erste den Weg in die Restaurierung an. Danach folgt umgehend das üppige „Frauenporträt“ von Frans Masereel (1889 bis 1972), von dem Museumsdirektor Dr. Friedhelm Häring sagte, „den hätten wir uns niemals leisten können“.

Ein “Frauenporträt” von Frans Masereel.

Häring, der derzeit an einem Buch und einer Ausstellung über den Künstler Bernhard Jäger arbeitet, dankte Schüling ganz besonders, da die Schenkung „ein Zeichen für den richtigen Weg“ sei, den er, seine Mitarbeiter im Oberhessischen Museum eingeschlagen haben. Gerade das kleinformatige Ölgemälde von 1904 von James Ensor (1860 bis 1949) sei ganz aktuell ein Gewinn für die Städtische Sammlung, denn Ensor gilt gerade mit seinen Maskenarbeiten als Vorbild Jägers.

Absolute Attraktionen sind hingegen ein Kussmund-Gemälde Man Rays (1890 bis 1976), das das für Man Ray um 1915 so typische Changieren zwischen Fauvismus und Kubismus widerspiegelt. Sofort das Augenmerk auf sich zieht auch Max Unolds (1885 bis 1964) neusachliches Aquarell eines Kinderporträts. Auch Pierre Bonnard (1860 bis 1949) lockt mit einer spät-impressionistischen Landschaftsdarstellung in Öl. Eine kleine Zeichnung von Jean François  Millet (1814 bis 1875), eine 1971 entstandenen Bleistiftzeichnung von Heini Vetter (1903 bis 1983) und „tierische“ Druckgrafiken von Heinrich Mathias Ernst Dampendonk (1889 bis 1957) gehören zur Sammlung.

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