Wiglaf Droste liest vor 60 Zuhörern aus „Am Nebentisch belauscht“ und anderen Werken im Jokus Gießen
19. März 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: LiteraturWiglaf Droste ist ein Flaneur, ein Seismograph, eine Wünschelrute für den Irrsinn und die Blödheiten unserer Gegenwart. Auch wenn der ehemalige „Titanic“- und „taz“-Redakteur etwa 2003 im Marburger KFZ den ganzen Saal füllte, sind immerhin 60 Zuhörer zu Droste ins Jokus gekommen. Im Vergleich zu den letzten drei Lesungen dort mit jeweils nur 15 Besuchern ein deutlich positiver Anstieg
GIESSEN. Für sein Gießener Publikum zappt der Droste-Hülshoff-Preisträger einem literarischen DJ gleich durch seine Bücher. 25 hat er seit 1991 bereits veröffentlicht. Zentrale Scheibe des Abends ist das aktuelle Werk „Am Nebentisch belauscht“. Darin flaniert Droste durch Cafés und Kneipen und fängt am „Quell des Quasselns“ ein, was er hört. Etwa junge Frauen, die sich darüber einig sind, dass sie der Gazastreifen nicht interessiert, weil sie selber genug Problemzonen haben.
„In einem Land, wo Guido Knopp als Historiker gilt, werden Friseure zu Hirnforschern“, polemisiert der Satiriker und begibt sich bei der Suche nach einem Frisör auf eine Tour des Sprachgrauens: Vom „Vier Haareszeiten“ über „Haireinspaziert“ bis zum „Kammback“ – spätestens beim „Kaiserschnitt“ wünscht Droste den Betreibern für immer „in der Wortspielhölle“ zu schmoren.
Mit Weltspartag und Ostwestfälischen Wortschöpfungen wie Döllmer oder Hacho rechnet der gebürtige Bielefelder ebenso ab wie mit der kollektiven Euphorie bei der WM 2006. Im Vatikan wird laut Droste der Papst nicht beim Flaschen-, sondern beim Kardinäledrehen bestimmt. Und für den deutschsprachigen Jammer-Pop à la Silbermond oder Naidoo hat der vitale Kulturdissident auch nur Spott und Verachtung übrig.
Mal spielt er sehr ausgiebig Scrabble mit seiner Mutter, dann erfährt man etwas von der Lebenstüchtigkeit seiner ostpreußischen Oma. Richtig gut wird’s, wenn Droste auch mal singt, etwa ein Gedicht des von ihm hoch geschätzten Peter Hax. Einen Text gibt es aus dem bereits vergriffenen Bändchen „Reinberger Bogen“, was im letzten Jahr entstand, als Droste in der brandenburger Tucholsky-Stadt fünf Monate Stadtschreiber war. „Auf sie mit Idyll“ heißt es dann, wenn er sich mit heimischen Gerüstbauern anlegt.
Zwischendurch sinniert Droste über die „Renaissance der Raucherecke“ und streut zum Ende noch einen Text aus der Essenz seiner kulinarischen Kampfschrift „Häuptling eigener Herd“ namens „Wir schnallen den Gürtel weiter“ ein, die er zusammen mit dem Meisterkoch Vincent Klink herausgegeben hat. Das alles muss man vielleicht nicht immer so lustig finden wie einige Dauergigler im Publikum. Aber Drostes Zeitgenossenschaft ordnet unsere überdrehte Gegenwart mit feingeschliffener Feder und klarem Blick doch meistens ziemlich treffend und überzeugend: in bekloppt und noch beklöppter.
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