Tim Berresheim und Markus Oehlen in der Kunsthalle Gießen – ein Nachtrag zur Vernissage

19. März 2010 | Von | Kategorie: Kunst

Mit „Radieschen und Erdnuss“ scheint Ute Riese vollständig in Gießen angekommen zu sein. Die erste Kuratorin, und das meint nicht den Gender-Aspekt, der neuen Gießener Kunsthalle hat mit Tim Berresheim und Markus Oehlen gleich zwei renommierte Gegenwartskünstler in die Universitätsstadt geholt. Zur Vernissage kam sogar Daniel Hug, Direktor der Art Cologne und manch prominenter Sammler. Die Ausstellung schaffte es außerdem auf die Titelseite des Magazins Kunst:Art. So wehte schon mit Rieses zweiter Ausstellung der Wind, den man sich von der Kunsthalle so erhofft hat: ein Wind aus überregionaler bis internationaler Richtung

GIESSEN. So wurde es im Kulturdezernat immer wieder betont: Sinn und Zweck der neuen, im Rathaus eingebetteten Kunsthalle sei es, innerhalb des Kunstbetriebs mehr Aufmerksamkeit auf die Stadt zu ziehen. Mit „Radieschen und Erdnuss“ ist das nun erst einmal gelungen.

Auf  der einen Seite skurrile Skulpturen, die durch eingebaute Lautsprecherboxen und Autoradios Musik als Bestandteil visuell integrieren. Auf der anderen Seite großformatige Siebdrucke, die die Opposition von Abstraktion und Gegenständlichkeit in neue Dimensionen lenken: Mit der ersten gemeinsamen Ausstellung von Tim Berresheim (* 1975) und Markus Oehlen (*1956), eröffnen sich dem Betrachter beim Herumgehen immer wieder neue  Blickwinkel und Kombinationen.

Fäden, Schleifen, Linien

Die  unterschwellige Raumstruktur, die Oehlen geschaffen hat und dabei gerade durch die bewusste Positionierung seine voluminösen, organisch geschwungenen Skulpturen konstruktiv ins Verhältnis zu Berresheims Arbeiten setzt, ist der eine Aspekt. Beide wollen die Ausstellung auch als „gemeinsame Erklärung“ verstanden wissen.

Der zweite Aspekt ist das Zusammenspiel von Oehlens Schnurmantel-Gebilden, die wie eine psychedelische Ironisierung auf Hans Arp oder Niki de Saint Phalles „Nanas“ wirken, und den Arbeiten Berresheims. Seine fünf großformatigen Siebdrucke mit dem Titel „Wishing Radish (Silkscreen)“, brandneu und exklusiv für Gießen produziert, nehmen den Faden von Oehlens „Pferd“ oder der drei Meter hohen Figur „Free Fidelity Camp“ buchstäblich auf. Was bei Oehlen (* 1956) die bunte Faser des Zusammenhalts ist, wuchert in Berresheims Siebdrucken als Schlaufe, Schleife oder Flatterband. Auf seinen am Computer vollendeten, transmedialen „Compositings“ sprießt der Spliss, ranken die Seilschaften.

Opulente OrnamentePrächtige Korrespondenzen

„Ist es ein Objekt oder ein Bild?“, wirft Berresheim bei der Pressevorbesichtigung in den Raum und verabreicht sich eine weitere Priese Schnupftabak. Beide seiner Werkgruppen erteilen der (natürlich längst überholten) oppositionellen Fragestellung von „gegenständlich oder konkret-abstrakt“ eine generelle Absage. Eine Sonne hier, ein Ballerinafüßchen da, Geometrie und Chaos, angerissene Motive und dazwischen eine reine Akzentuierung von Fläche und Linie: Die opulenten Formationen und Guilloche-Ornamente in Berresheims Werken loten in einer wahrhaft innovativen Bildsprache die Möglichkeiten und Bedingungen von Bedeutungsträgerschaft und Rezeptionsmechanismen aus.

Dass die Korrespondenzen zwischen Oehlen und Berresheim in der Kunsthalle so prächtig gelingen, liegt zwar auch an dem wunderbar hohen wie tiefen Raum, bleibt aber doch erstaunlich. Es liegen immerhin fast zwei Generationen zwischen beiden Künstlern. In einer Nische der durch indirektes Licht angenehm beleuchteten Halle kann man Audio-Arbeiten beider Künstler über Kopfhörer hören.

Berresheims fünf Siebdrucke mit dem Titel „Wishing Radish (Silkscreen)“, brandneu und exklusiv für Gießen produziert, nehmen den Faden von Oehlens „Pferd“ oder dem drei Meter hohen „Free Fidelity Camp“ buchstäblich auf. Was bei Oehlen, der neben der Arbeit mit der legendären Punk-Band „Mittagspause“ auch mit Martin Kippenberger Platten aufgenommen hat, die bunte Faser des Zusammenhalts ist, wuchert in Berresheims Siebdrucken als Schlaufe, Schleife oder Flatterband. Auf seinen am Computer vollendeten, transmedialen „Compositings“ lotet Berresheim in einer ungesehenen Bildsprache die Möglichkeiten und Bedingungen von Bedeutungsträgerschaft und Rezeptionsmechanismen aus.

Tipps zur Art Cologne

Daniel Hug gibt da unumwunden zu, dass er ein riesiger Fan Berresheims ist. Der Direktor der Art Cologne hat für gesamte Ausstellung nur lobende Worte. „Mir gefällt die Situation, dass die Kunsthalle im Rathaus ist. So kommen Politik und Kunst zwangsläufig zusammen“, meint der Schweizer mit US-Pass, der zuletzt auf der Art L.A. als Berater tätig war und Enkel des ungarischen Konstruktivisten und Bauhauskünstlers László Moholy-Nagy ist. Später im Restaurant bei hessischen Spezialitäten erzählt Hug, dass 30 % aller gehandelten Künstler in den USA aus Deutschland kommen. Vor allem Polke, Kiefer und Richter gelten auch dort als regelrechte Stars.

Was die Krise angeht, meint Hug, er hätte schon zwei große Krisen er- und überlebt. „Es geht weiter, der Markt erholt sich. Aber die Zeit der Spekulationen ist sicher vorbei“, so Hug, der sich sicher ist, dass andere Werte als Preis die Zeit überdauern und prägen werden. „In 30 Jahren werden wir auch sicher nicht über Damien Hirsts Schädel sagen ‚Wow’.“ Gute Kunst spiegle immer eine Generation wieder, meint Hug. „Qualität lebt von der Idee“, fügt er hinzu. Für die Art Cologne hat er auch schon einige Tipps parat. Etwa die chinesische Künstlerin Yin Xuishen, die von der Alexander-Ochs-Galerie vertreten wird.

Traum  innerstädtische Kunstachse

Aus Köln waren nicht nur die Galeristen Sven O. Ahrens und Bernd Hammelehle, die Oehlen wie Berresheim vertreten, nach Gießen gekommen. Auch das Kölner Sammler-Ehepaar Max Krawinkel und Corina Krawinkel-Noack fand den Weg zur Vernissage. Die beiden Kunstliebhaber sammeln leidenschaftlich Kippenberger-Schüler und eben auch Berresheim, der im Unternehmen wiederum seine zwei mal drei Meter großen Arbeiten drucken lässt. Von jedem der Siebdrucke in der Gießener Kunsthalle – Berresheim hat jeweils fünf produziert – besitzen sie bereits einen. Auch aus der Gemeinschaftsarbeit von Berresheim mit Jonathan Meese befinden sich Werke in der Sammlung Krawinkel-Noack.

So hat sich an einem einzigen Sonntagmorgen der Stellenwert der gelungenen Ausstellung quasi von selbst erklärt. Allein das große lokale wie überregionale Interesse geben Ute Rieses Idee und Konzept mehr als Recht.  Und der Traum von einer innerstädtischen Kunstachse – vom Oberhessischen Museum zur Kunsthalle zum Neuen Kunstverein – wird ganz nebenbei immer mehr zur Selbstverständlichkeit. So war auch Jáchym Fleig, dessen Künstlergespräch zu seinem „Deckenrelief“ später im Neuen Kunstverein stattfand.

Oehlen macht gleich wieder kehrt

Etwas unharmonisch wurde es jedoch auch. Jeder Zweite in der Kunsthalle wartete, schaute, fragte immer wieder gespannt, ob Oehlen denn wohl kommen würde. Die Kulturspionage hatte diese Frage großflächig aufgeworfen. Schon als Markus Oehlen zum Aufbau der „Erdnuss & Radieschen“-Ausstellung gekommen war, soll er sich beschwert haben, dass kein Taxifahrer die Kunsthalle, geschweige denn den Weg dorthin kenne.

Oehlen hatte am Abend zuvor bereits in München, wo er lebt und arbeitet, eine Ausstellungseröffnung. Und da ihn angeblich eine latente Flugangst umtreibt, reiste er tags drauf per Zug von München nach Gießen. Auf der Strecke ging wohl einiges schief, so dass der renommierte Künstler erst etwa drei Stunden nach Beginn der Vernissage in Gießen eintraf.

Auf der Frankfurter Straße kam ihm, der den hiesigen Taxifahrern wie gesagt nicht den Weg zutraut, dann bereits der innere Kern der Veranstaltung aus Sammlern, Galeristen und Kuratorin Ute Riese entgegen, um im Justus die gelungene Ausstellungseröffnung mit einem Essen abzuschließen. Die Information darüber nahm Oehlen dann überhaupt nicht gut auf und machte wutentbrannt auf der Stelle kehrt, um wieder zum Bahnhof zurückzukehren. Auch sein Galerist Sven Ahrens konnte ihn nicht vom Bahnsteig an den Mittagstisch bewegen, wo Daniel Hug, Corina Noack und ihr Mann Max  Krawinkel bereits Platz genommen hatten. Was genau jetzt Grund von Oehlens Reaktion war, ließ sich bis zum Redaktionsschluss nicht genau klären.

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Ein Kommentar
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  1. hey rogi,

    ein wirklich guter artikel, prima hintergrundinfo´s, lustige und spannende annekdoten am rande und gute
    photos, man merkt , das du dich in der welt der kunstpromi´s wohlfühlst !

    chapeau !!!!!……..niemand.

    p.s. was ich nicht so toll finde, wenn man seinen kommentar mit namen versieht, kann man diesen sehr leicht googlen…….denk mal an den datenschutz…..niemand

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