Heike Scharpffs „Heute vor fünf (Wiedervorlage)“ beim German Stage Service in Marburg
19. März 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: TheaterDer Umgang mit ihr scheint vertraut, doch haben wir meist nie genug davon: Zeit. Sie läuft ab, ohne unser Zutun. Und sie prägt uns ohne Unterlass. Ein markantes Merkmal der Adoleszenz ist es, dass die Langeweile, die zähe Zeit, die wir als Kinder so gerne lautstark der Erwachsenenwelt gegenüber kommunizierten, plötzlich verschwindet. Was bleibt, ist Zeitmangel. Somit greift Kants Definition, wonach die Zeit „reine Form der Anschauung“ sei. Der moderne Mensch kann sich nur in ihr und mit ihr versuchen zu organisieren. Zu welchen absurden Auswüchsen das führen kann, das zeigt Heike Scharpffs „Heute vor fünf“, eine „Wiedervorlage“ eines bewährten Konzepts von 2006, das nun beim Germans Stage Service als Kooperation mit dem Künstlerhaus Mousonturm im Theater im G-Werk zu sehen ist
MARBURG. Regisseurin Scharpff hat 87 To-Do-Listen, die ihr Team durch verschiedenen Aufrufe erreichten, wieder zur Ausgangslage des Theatertextes wie der szenischen Grundsituation genommen. Am Anfang sitzen die beiden Darsteller Nicole Horny und Phillip Sebastian quasi im Publikum, betrachten die verschiedenen Notizen auf einer großen Leinwand und entschlüsseln in einer Art Small Talk das Alltagsgekritzel und spekulieren über die dazugehörigen Hintergründe.
Plötzlich nehmen sie die Bühne ein. Immer mehr wird klar, dass es sich bei „Er“ und „Sie“ um ein Paar handeln könnte. Sie ist geradezu leidenschaftlich besessen vom Listenschreiben, von Planung und schriftlicher Organisation. „Listen sind für mich lebensnotwendig“, erklärt Horny einmal. Er hingegen bekommt irgendwann einen cholerischen Anfall, taucht buchstäblich in sein eigenes Universum ab und wünscht sich, „einfach ein Quastenflosser“ zu sein.
Anfangs sinnieren beide noch über entsprechende Listen-Systeme von Managern oder Präsident Eisenhower, der während seiner Amtszeit alle Aufgaben in „Wichtig und Unwichtig“, „Dringend und nicht dringend“ einteilte. Wunderbar verzetteln sich die Vorgänge dann in Hysterie und Angst um das Nicht-bewältigen-Können der notierten Aufgaben. „Ich muss heute noch…“ verzweifeln beide und Sie denkt schon über eine Liste für die ganzen Listen nach. Zwei kämpfen hier einen aussichtslosen Kampf um jede Sekunde.
Das Ganze steigert sich in einem Monolog bis ins Groteske, wenn Horny versucht im Kopf eine handvoll Minuten zwischen zig Terminen regelrecht heraus zu destillieren und man schon über die vielen Minuten, die allein das an Zeit kostet, nur amüsiert den Kopf schütteln kann. Gedanken, wie man aus dem Kreislauf ausbrechen kann, sprechen Horny und Sebastian manchmal ganz beiläufig aus. „Ich frage mich wie lange es wohl dauern würde, bis mich ein Pottwal verdaut hätte“, fragt Er einmal geradezu geistesabwesend.
So entsteht ein ebenso poetischer wie dokumentarischer Abend. Mit viel Sinn für ungewöhnliche Komik erzählt „Heute vor fünf“ auf ganz eigene Art von den Auswüchsen unserer Alltagskultur. Die Sparsamkeit der Mittel, die wenigen Requisiten, der seichte Einsatz von Musik mit der Heike Scharpff und ihr Team hier arbeiten, überraschen einen immer wieder. Insgesamt eine angenehme Alternative, seine Zeit zu verbringen.
Weitere Vorstellungen am 27. März sowie am 9. und 10. April. Nach einer Preview beim 100°-Festival in den Berliner Sophiensälen wird „Heute vor fünf“ auch beim Arena-Festival in Erlangen zu sehen sein.verwandte Artikel
- German Stage Service braucht Eure Listen fürs nächste Stück
- Miiiiaaauuuu: Miezical in Marburg
- 15. Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche Marburg
- Matthias Faltz stellt seinen Antrittsspielplan als neuer Intendant am Theater Marburg vor
- Ray Cooneys Boulevardkomödie „Außer Kontrolle“ beim Neuen Kellertheater







