„Hader spielt Hader“: Josef Hader vor 450 Zuschauern im Piscator-Haus
12. März 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Kabarett/ComedyDass er etwas gehetzt auf die Bühne komme, habe einen Grund. Er sei kurz vorher noch für eine Stippvisite bei Gießens Intendantin Cathérine Miville gewesen, erklärt Josef Hader seinem Marburger Publikum in der Stadthalle
MARBURG. Miville hatte Hader vor über 20 Jahren zur Münchner Lach- und Schießgesellschaft geholt und lange Jahre auch für die Fernsehregie seiner Live-Sendungen verantwortlich gezeichnet. „Wir sehen uns natürlich mittlerweile nicht mehr so häufig, umso mehr freut man sich, wenn es dann mal klappt“, erklärt Miville, die sich noch gut erinnert, wie die Presse Haders erstes Programm damals verrissen hat und ihn beim zweiten urplötzlich zum
Genie erklärte.
Genie findet Miville, die in der Spielzeit 2003/04 auch Haders „Indien“ im TiL spielen ließ, heute auch die treffende Bezeichnung. „Hader hat in all den Jahren eine Form für das politische wie literarische Kabarett gefunden, die andere Dimensionen aufmachen“, so Miville. Daran schließen auch die Gießener Kabarettisten Dietrich Faber und Martin Guth an, die zur Vorstellung nach Marburg gekommen sind. „Hader geht immer wieder über die Grenzen des gewohnten Kabaretts hinaus“, meint Faber.
Und so war es dann auch: Hader tritt ins Licht und lamentiert, dass hier künstlerisch nichts bahnbrechendes zu erwarten sei. Vielmehr sitze ihm die Wiener Steuerfahndung im Nacken. Auch eine Erklärung für ein Best-Of-Programm, das schlicht „Hader spielt Hader“ heißt.
Abgesang auf den Humanismus
Seine letzte Show in der Stadthalle vor vier Jahren hatte noch völlig anders angefangen. Über eine halbe Stunde eröffnete Josef Hader da sein Programm „Hader muss weg“ mit dubiosen Backstage-Szenen, die auf eine Leinwand auf der Bühne projiziert wurden. Diesmal geht er einfach raus, ins Licht, an die Rampe, nur ein E-Piano, ein Tisch, ein Stuhl, ein Mikrofon – der Zuschauer hat es mit einer Art Best-Of-Programm zu tun.
Zur Eröffnung gibt Hader einen Abgesang auf den Humanismus. Der war zwar kürzlich schon bei den Neuigkeiten „aus der Anstalt“ des ZDFs zu hören, endet aber mit der wunderbar bitteren „Pointe“, dass der Vater Heinrich Himmlers ja auch Volksschullehrer für Alt-Giechisch gewesen sei.
„Hader spielt Hader“ titelt das Programm – eine nötige Klarstellung, denn seit der 48-Jährige für das bewegende Fernsehspiel „Ein halbes Leben“ mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, muss man noch deutlicher zwischen Charakterdarsteller und Kabarettist unterscheiden.
Applaus wie 1871
Hader kommt vom Wellness- und Gesundheitswahn zu nationalen Vorurteilen und attestiert dem Marburger Publikum beim Thema Frankreich einen „Applaus wie 1871“. Er spielt die weit aus interessantere Sarkasmus-Ausgabe von Mario Barth, wenn er den Namen seiner Frau schon vor der Scheidung vergessen hat. Oder er zieht ausschweifend über Stadt- und Landleben her. Dem demographischen Wandel hält Hader schlichte Slogans wie „Keine Kinder für die Umwelt“ entgegen.
Nach der Paue liefert er sich einen süffisanten Schlagabtausch mit seinem eingeschnappten Ton- und Lichttechniker Gerd und paart wie immer gekonnt Wiener Schmäh mit intellektueller Überlegenheit und gibt den modernen Misanthropen. „Das Leben verliert dadurch, dass man’s kennenlernt“, spottet er. Am Fender Rhodes macht er mal ziemlich dissonant den Stockhausen, mal den Stevie Wonder. „Der eine kommt nach Paris, der andere kommt nicht nach Paris“, heißt es lapidar in einem seiner Songs. Und selbstkritische Brancheneinsichten gibt es am Ende auch: „Wenn wir Kabarettisten schon nicht mehr wissen, wer schuld ist, wer soll’s dann wissen“. Das Marburger zeigte sich bis weit nach halb elf bestens unterhalten.
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