„Radieschen und Erdnuss“: Markus Oehlen und Tim Berresheim in der Kunsthalle

4. März 2010 | Von | Kategorie: Kunst

„In der Schule habe ich Kunst gehasst“ – Tim Berresheim war für die Pressevorbesichtigung zur bevorstehenden Ausstellung in Gießen zu Gast. Ob die Vernissage mit ihm und Markus Oehlen stattfinden wird, zeigt sich erst am Sonntag

GIESSEN. Wenn Korrespondenz die Kür eines Ausstellungskonzeptes ist, dann bietet die Kunsthalle ab Sonntag die Creme von der Creme. In „Radieschen und Erdnuss“, der ersten gemeinsamen Ausstellung von Tim Berresheim und Markus Oehlen, eröffnen sich dem Betrachter beim Herumgehen nicht nur immer wieder urplötzlich neue Nischen und Blickwinkel. Die  unterschwellige Raumstruktur, die Oehlen geschaffen hat und dabei gerade durch die bewusste Positionierung seine voluminösen, organisch geschwungenen Skulpturen konstruktiv ins Verhältnis zu Berresheims Arbeiten setzt, ist der eine Aspekt. Beide wollen die Ausstellung auch als „gemeinsame Erklärung“ verstanden wissen.

Exklusiv für Gießens Kunsthalle

Der zweite Aspekt ist das originäre Zusammenspiel von Oehlens Schnurmantel-Gebilden, die wie eine psychedelische Ironisierung auf Hans Arp oder Niki de Saint Phalles „Nanas“ wirken, mit den Arbeiten Berresheims. Seine fünf großformatigen Siebdrucke „Wishing Radish (Silkscreen)“, brandneu und exklusiv für Gießen produziert, nehmen den Faden von Oehlens „Pferd“ oder der drei Meter hohen Figur „Free Fidelity Camp“ buchstäblich auf. Was bei Oehlen (* 1956) die bunte Faser des Zusammenhalts ist, wuchert in Oehlens Siebdrucken als Schlaufe, Schleife oder Flatterband. Auf seinen am Computer fertiggestellten, transmedialen „Compositings“ sprießt der Spliss, ranken die Seilschaften.

Surreale Formspiele

„Ist es ein Objekt oder ein Bild?“, wirft Berresheim bei der Pressevorbesichtigung in den Raum und verabreicht sich eine weitere Priese Schnupftabak. Beide seiner Werkgruppen erteilen der (natürlich längst überholten) oppositionellen Fragestellung von „gegenständlich oder konkret-abstrakt“ eine generelle Absage. Surreale Formspiele sind es schon eher: Eine Sonne hier, ein Ballerinafüßchen da, Geometrie und Chaos, angerissene Motive und dazwischen eine reine Akzentuierung von Fläche und Linie. Die opulenten Formationen und Guilloche-Ornamente in Berresheims Werken loten in einer scharfsinnigen wie innovativen Bildsprache die Möglichkeiten und Bedingungen von Bildproduktion, Bedeutungsträgerschaft und Rezeptionsmechanismen aus.

Beim Mittagessen erzählt Berresheim bei Sushi, Tofusuppe und Calpico einmal fast beiläufig, nachdem er eine Lachsrolle mit Stäbchen perfekt in den Mund geschoben hat, dass er Kunst in der Schule gehasst habe, und dass es eigentlich erst mit 25, als ihn ein Freund mit an die Braunschweiger Akademie nahm, „gefunkt hat“. Bei der Formulierung muss selbst sein Galerist Sven Ahrens kurz lachen. Aber in Braunschweig hat er es auch nicht lange ausgehalten und ging 2000 an die Düsseldorfer Akademie, wo er auch Kurse bei Markus Oehlens Bruder Albert belegte.

Warhol weiterentwickeln

Seine großformatigen Werke, die jeweils in einer Auflage von fünf Stück erscheinen, konnte er in dieser Art nur mit Hilfe eines rheinländischen Druckmaschinen-Unternehmers, der gleichzeitig Berresheim-Sammler ist, realisieren. Dabei geht es dem 35-Jährigen ebenso darum, „die Qualität des Mediums auszureizen“ wie eine „stiefmütterlich behandelte Technik“, die mit Andy Warhols Siebdruck-Montagen eben längst nicht durchbuchstabiert ist, weiterzuentwickeln. So erklärt es zumindest Sven Ahrens, der als Galerist mit seinem Partner Bernd Hammelehle in Köln beide Künstler betreut und für das Pressegespräch mit nach Gießen gekommen ist. Kuratorin Dr. Ute Riese konnte für die Ausstellung außerdem die renommierte Sammlung Grässlin aus St. Georgen zu Oehlen-Leihgaben bewegen.

Scheiterhaufen aus Pinseln

Schmunzeln lässt einen zu Beginn gleich die Gestaltung des Eingangsbereiches: Markus Oehlens „Wunderbrot II“ von 2003 aus Aluminiumguss, Lack und mit Wurstscheiben-Imitaten beklebt, wird flankiert von zwei „Diasecs“, worauf Berresheim einen Scheiterhaufen von Pinseln und Filzstiften zeigt. Sicher ein Verweis darauf, dass seine Bilder mittlerweile zu 80 % auf einer digitalen Staffelei, sprich am Rechner entstehen.

Zwei Künstler, zwei Musiker

Dass die Korrespondenzen zwischen Oehlen und Berresheim in der Kunsthalle so prächtig gelingen, liegt zwar auch an dem wunderbar hohen Raum, bleibt aber doch erstaunlich. Es liegen immerhin fast zwei Generationen zwischen beiden Künstlern. Verbindendes Element bleibt hingegen die Musik. Oehlen, in den 80ern zu den „Neuen Wilden“ gezählt und heute Professor an der Münchner Akademie, gründete Anfang der 80er die Punk-Band „Mittagspause“ und nahm mit Martin Kippenberger, seinem Bruder Albert und Werner Büttner zahlreiche Alben auf. Berresheim hat vor allem mit Shooting-Star Jonathan Meese Einspielungen an den Grenzen von Pop, Performance und Happening wie „Don’t call us piggy, call us cum“ vorgelegt.

Kein Taxi zur Kunsthalle

So wird Berresheim auch bei der Katalog-Präsentation am 11. April auflegen. Vielleicht auch schon am Sonntag bei der Vernissage, und vielleicht auch die Platten von Markus Oehlen. Spannend bleibt eben nur noch, ob Markus Oehlen auch wirklich zur Vernisage um 11.30 Uhr erscheinen wird. Angeblich soll er sich beim Aufstellen seiner Skulpturen schon beschwert haben, dass kein Taxifahrer die Kunsthalle, geschweige denn den Weg dorthin kennen würde.

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