Zweiter „Hausbesuch“ der Kümmerei bei der Modern Music School
26. Februar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: KulturpolitikTraum vom städtischen Musikzentrum angestimmt: Breite Diskussion zur Situation der Pop- und Rockszene
GIESSEN. Mit ihrem zweiten „Hausbesuch“ machten Jörg Wagner und Manuela Weichenrieder vom Kulturbüro „Kümmerei“ am Mittwochabend in musischen Gefilden Station. Nach dem Architekturbüro Zieske besuchten Wagner und Weichenrieder diesmal Sebastian Schlöndorf und sein Lehrerteam der Modern Music School im Klaviersaal des Musikhauses Schönau.
Thema des Abends war die „Evolution von der Instrumental- zur Musikschule“, doch eigentlich ging es um viel mehr. Nach einem Mini-Konzert der Gruppe „Springfield“ und einer Führung durch die Räumlichkeiten der auf Populärmusik ausgerichteten Schule, diskutierten die knapp 30 Besucher mit Schlöndorf und seinem Partner Dirk Rosenbaum unter „Kümmerei“-Moderation über die Probleme, Chancen und Wünsche bei Konzertveranstaltungen und musikalischer Förderung.
Schnell wurde klar, dass der Status und die Perspektiven der Gießener Musikszene im Verhältnis zur Stadtgröße nicht schlecht sind. „Eine Stadt wie Koblenz mit über 150 000 Einwohnern hat gerade mal eine Musikschule“, merkte Schlagzeuglehrer Rosenbaum an. Gießen habe im Stadtgebiet fünf und im Speckgürtel zusätzlich zwei vorzuweisen, so Rosenbaum weiter.
Doch bei Wartezeiten von 18 Monaten auf einen Proberaum in der Kulturinitiative Gießen (KIG) im Europaviertel sehen Schlöndorf und Rosenbaum erhebliche Probleme für eine nur schwerlich prosperierende Bandszene. Doch fehle es nicht nur an Proberäumen: Gerade der Nachwuchs bekomme nicht mal beim Stadtfest eine Chance aufzutreten und Konzertsäle wie im Muk oder Jokus seien belegt oder ungeeignet.
Es fehle einfach eine „subkulturelle Lobby“, so Schlöndorf, der damit gleich seinen Traum eines städtischen Musikzentrums anstimmte. Der Musikpädagoge hat dabei ganz offen auch Liegenschaften wie das Keller Theater auf dem einstigen Areal der US-Armee im Blick. Dass da viele ran und hin wollen, ist Schlöndorf natürlich bewusst.
Aber nicht der Mangel an potenziell in Frage kommenden Immobilien sei das Problem, sondern die Erschließung dieser zu kulturell nutzbaren Orten, da waren sich Wagner, Weichenrieder und alle Anwesenden sofort einig. Schlöndorf und sein Team wünschen sich eine „identifizierbare Anlaufstelle“ für alles, was Musikern so in die Quere kommen könne. Vor allem ein Band-Café sei dabei wichtig, ein kommunikativer Treffpunkt, wo vor allem Austausch stattfinde.
Bei einigen Zwischenfragen und Anmerkungen wurde auch die Frage nach Toleranz und einem „kreativen Klima“ in der Stadt gestellt. Margareta Noll vom Café Giramondi etwa berichtete von ihren aktuellen Problemen mit dem Ordnungsamt, wonach sie ihre Konzertveranstaltungen wegen Beschwerden bereits ab 20 Uhr generell gefährdet sieht. Achim Zerr wies schließlich auf seine Erfahrungen hin, wonach es auch als Konzertveranstalter in Gießen keineswegs einfach sei, adäquate Räumlichkeiten zu finden und zu organisieren. Dem Traum vom Musikzentrum schlossen sich alle Anwesenden abschließend gerne an.
Der nächste Hausbesuch wird im Bereich der Bildenden Kunst stattfinden, und zwar im Atelier des Gießener Künstlers Thomas Vinson. Ein genauer Termin für Ende März wird noch bekannt gegeben.
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