Tarek Assams „Cassandra“ im Stadttheater uraufgeführt
22. Februar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Aufmacher, Theater
Rätselhafter Tanz um Trojas Untergang - Solo für Magdalena Stoyanova: Langsam öffnen sich die Augen auf der bühnenbreiten Videoprojektion. In einer vertikalen Fahrt überlagern die übergroßen Pupillen eindrucksvoll die Häuserarchitektur auf der Bühne, bevor Magdalena Stoyanova als Seherin Cassandra ins Licht tritt. Ballettdirektor Tarek Assam erzählt aus ihrer Sicht die Geschichte vom Untergang des legendären Troja, anders als Kinoepen wie etwa von Wolfgang Petersen, aber eben ähnlich wie in Christa Wolfs „Kassandra“-Roman von 1983. Da drängten sich eine handvoll Textauszüge, gesprochen von Irina Ries, geradezu auf. Sonst würde sich der Tanzabend vielleicht am Ende auch nur schwer erschließen
GIESSEN. „Warum wollte ich die Sehergabe unbedingt?“, fragt Irina Ries’ Stimme in einer Mischung aus melancholischer Monotonie aus dem Off. Zu Cassandras Selbstcharakterisierungen und Erklärungen knirscht und rauscht es wie bei schlechtem Radioempfang. Später werden zig ‚Volksempfänger’ auf einen Haufen gestapelt, als Zeichen der gleichgeschalteten Taubheit der Trojaner. Cassandras Rufe finden dazwischen bekanntlich keine Frequenz.
Alles beginnt in Christa Wolfs Roman und somit auch bei Assam mit dem Glauben an eine Lüge: Angeblich haben trojanische Truppen die schöne Helena, als Rache für die einst von den Griechen entführte Schwester ihres Königs Priamos, nach Troja verschleppt. Das Volk glaubt es, der Krieg beginnt und spätestens nach zehn Jahren weiß niemand mehr, warum und wie das alles angefangen hat. Schlicht „Die Lüge“ hat Assam seinen dritten Teil dafür passend genannt und lässt das „Allegro misterioso“ aus Alban Bergs „Lyrischer Suite“ spielen. Sicher einer der intensivsten Momente vor der Pause.
Kurzfristige Korrespondenzen
Ansonsten bestimmt ein eher vages Anreißen und Skizzieren die sechsteilige, durchaus an die Linearität des Romans anschließende, Szenenfolge. Im Penthesilea-Chic (die Tänzerinnen: Morgane de Toeuf, Ekaterine Giorgadze, Svende Obrocki, Antonia Heß) und mit archaischem Irokesen-Kamm (die Tänzer: Keith Chin, Eoin Mac Donncha, Meindert Ewout Peters, Victor Villarreal Solis) formiert sich choreographisch meist Gruppe gegen Seherin, Kollektiv gegen Cassandra. Etwas kitschig wird es im Liebesduett des zweiten Teils, während Cassandra und Aineias (Meindert Ewout Peters) einander langatmig umkreisen und -armen.
Wenn in der fünften Szene „Das Schicksal“ dann alle Tänzer die skelettierte Architektur von Lukas Nolls imposantem Bühnenbild, einem hysterischen Häuserkampf gleich, durchlaufen und überspringen, stellt sich zum ersten Mal so etwas wie Korrespondenz zwischen Wolfs Text („Der Zusammenbruch kam schnell…“) und Assams Choreographie ein. Der Eindruck verpufft nur leider so schnell, wie das auf der Bühne unsichtbar bleibende Pferd sein wahres Gesicht zeigt. Die Einzelelemente schaffen es nur selten sich gegenseitig zu durchdringen oder gar zu befruchten. Insgesamt hätte sich vielleicht mehr aus dem Zusammenspiel von Tanz, Video, Literatur und Bühnenbild machen lassen. So bleibt es ein geheimnisvoller, rätselhafter, Tanz um Trojas Untergang, in dessen Mitte ein kraftvoll auftretendes Ensemble mit einer souveränen, aber etwas verlorenen Solistin steht. Und wenn schon ein figuratives Konzept, dann sollten Rollenzuschreibungen im Programmheft auch nachvollziehbar sein.
Platte Anspielungen
Die Projektion der einstürzenden New Yorker Zwillingstürme wirken da dann nur noch als ziemlich platter Versuch, das Thema Krieg und Lüge für unsere Gegenwart zu retten. Und die Kronleuchter, die nach der Pause vom Schnürboden kommen, erschließen sich in ihrem Bedeutungshorizont wohl nur Eingeweihten. Dennoch tanzt Antonia Heß als Klytemnestra mit Stoyanova eine Schlussszene, in der zu Arnold Schönbergs „Verklärter Nacht“ die körperlichen Widerspenstigkeiten und die Gewalt des Todes facettenreich zum Ausdruck kommen können.
Das Philharmonische Orchester spielt hier für das Tanztheater erstmalig unter der Leitung von Generalmusikdirektor Carlos Spierer und setzt mit deutlicher Dynamik zwischen pianissimo und forte glückliche Akzente. Auch wenn es bei Schönbergs „Verklärter Nacht“ in den Streichern etwas dünn wird.
Weitere Vorstellungen am 13. und 27. März jeweils um 19.30 Uhr.
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