Publikation „Heiner Müller sprechen“ blickt auf Gießener Symposium zurück

21. Februar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Theorie

Als Josef Bierbichler den Philoklet vorlas oder: Heiner Müller und kein Ende – Nach „Germania Tod in Berlin“, ein auch nach Angaben von Regisseur Hermann Schein „stilistisch frühes Stück“ des Dramatikers, blickt die jüngst erschienene Publikation „Heiner Müller sprechen“ auf das gleichnamige Symposium 2008 im Margarete-Bieber-Saal zurück

Heiner Goebbels und Josef Bierbichler beim Heiner-Müller-Symposium im Margarete-Bieber-Saal.                                                                                                             Bilder: ROstoff

GIESSEN. Die Tagung war eine Kooperation zwischen dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, der Univeristé de Paris X, Nanterre und der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft. Herausgeber des Bandes sind der ehemals in Gießen tätige Professor Nikolaus Müller-Schöll und Heiner Goebbels, Direktor des Gießener Instituts.

Das Symposium rückte die chorisch angelegten Stücke und Textflächen Müllers in den Fokus der Auseinandersetzung. Darunter versammelt der Band gehaltene Vorträge, Erfahrungsberichte aus der künstlerischen Praxis, etwa von Patrick Primavesi zur Theaterarbeit mit Müllers „Hamletmaschine“, wie auch Beiträge aus dem Bereich der Müller-Übersetzung von Helene Varopoulou oder Carl Weber.

Die Gießener Theaterwissenschaftlerin Petra Bolte-Picker setzt sich in ihrem Essay „Von Gesten und Matrizen“ mit der Distanzierung zum Text anhand der „Quartett“-Inszenierung der belgischen Tanz-Compagnie „Rosas/tg Stan“ von 1999 auseinander. Jörn Etzold, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Gießener Institut, rollt Müllers Lehrstück „Mauser“ mit der These auf, dass das Stück die „Wiederaufnahme des tragischen Sprechens“ in Szene setze. Friederike Thielmann, ebenfalls Gießen, blickt noch einmal zurück auf die zentrale künstlerische Arbeit des Symposiums: Laurent Chetouanes als Tanzsolo inszenierter Müller-Monolog „Bildbeschreibung“.

Zentrales Ereignis des Symposiums war der Auftritt Josef Bierbichlers im Margarete-Bieber-Saal. Sein Vortrag vom „Bericht des Großvaters“ sowie Müllers „Philoklet“-Adaption ist als CD beigelegt. Sehr erfrischend, für Einsteiger wie Kenner der Materie, ist das nicht ganz eins zu eins abgedruckte Podiumsgespräch zwischen Bierbichler, Goebbels und den anwesenden Theaterwissenschaftlern.

Der Grund für Bierbichlers geradezu monotonen Sprechgestus bezüglich der ausgewählten Müller-Texte wird im Band analytisch überaus passend von Helga Finters Essay „Mit den Ohren hören“ aufgefangen und auf das Schreiben des Autors selbst zurückgeführt. Sicher ist „Heiner Müller sprechen“ Fachliteratur, doch gerade dieser Band schafft es, nicht nur wissenschaftlich daherzukommen und somit auch für ‚normale’ Theatergänger wie Kulturschaffende eine spannende Lektüre zu bieten.

„Heiner Müller sprechen“, Verlag Theater der Zeit, Berlin, 293 Seiten + CD.

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