„Freigelassene Worte“ in der Bezalel-Synagoge
9. Februar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: LiteraturDen Notschrei der verlorenen Generation mit Text, Klang, Tanz und Stimme in die Gegenwart geholt: Mirjam Usbeck und Roland Ruck gastieren mit ihrer Annäherung an Wolfgang Borchert in Lich
LICH. Sanft nimmt die Tänzerin und Rezitatorin Mirjam Usbeck in der hintersten Reihe der Bezalel-Synagoge Platz. Auf der Bühne fällt schon fahles Licht auf Roland Ruck, der leise am Kontrabass zupft. Langsam schreitet Usbeck, wie aus dem Nichts kommend, dann durch den Gang und nimmt die Bühne ein. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Lampe, zwei drei Tücher – mehr Requisite braucht die Annäherung an den Trümmerliteraten Wolfgang Borchert (1921 bis 1947) mit dem Titel „Freigelassene Worte“ nicht.
Während Ruck gedämpft jazzt, seinen Kontrabass bis auf bloßes Geräusch reduziert, leuchtet Usbeck nicht nur mit dem Kerzenschein der Lampe, sondern mit Worten in die gut gefüllten Zuschauerreihen. Von der letzten Apfelblüte ist da die Rede. Verse erklingen im wahrsten Wortsinn: „Stell’ dich mit mir in den Regen / Glaube an seinen Tropfensegen“. Usbeck tut gut daran, ihre Rezitation nie durch zuviel Bewegung zu durchkreuzen. Ihr Tanz ist wohl kalkuliert, und wenn sie sich wie ein leiser Wirbelwind in die Tücher wickelt, manifestiert sich der Notschrei der verlorenen Kriegsgeneration auf berührende Weise. Intensiv sind immer auch die Momente, wenn Ruck den Bogen zur Hand nimmt und plötzlich als zweite Stimme in die Rezitation eingreift, etwa bei kleinen Liebeszeilen auf Borcherts Vaterstadt Hamburg und die „verführerische Alster“. Auch biografische Daten über den Regimekritiker und Panzergrenadier, der 1943 wegen einer Parodie auf Joseph Goebbels sowie in Kassel wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt wurde, streut das Duo gelegentlich ein.
Den ersten Teil der „freigelassenen Worte“ bestimmen vor allem die Auszüge aus seinen Kurzgeschichten „Die Hundeblume“ und dem kurz vor Borcherts Tod veröffentlichten Gedichtband „Laterne, Nacht und Sterne“. Langsam rücken Usbeck und Ruck dann immer mehr das Blickfeld auf den Anti-Kriegs-Autoren, der für die braune Soldateska nur Verachtung übrig hatte und doch an der Ostfront selbst unendliche Schrecken erfuhr. Von Männern wie „gespenstische Krähen“ ist zu hören: „Wir schauen aus der Dämmerung in die Dämmerung“. Plötzlich folgt die legendäre pazifistische Mahnung „Dann gibt es nur eins“: „Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag Nein!“
Wenn Ruck schließlich erschrecken authentisch Maschinengewehrfeuer durch Schlagen seines Bogens auf den Bassklangkörper imitiert, erhöht sich die atmosphärische Intensität nochmals. Usbeck klettert auf den Tisch, kauert sich wieder zusammen, blickt erschüttert, ängstlich in den Saal. Das Licht ist dabei grünlich blau gefärbt. Die Sätze des Mädchens an den Kriegsheimkehrer Beckmann in „Draußen vor der Tür“ drängen sich förmlich auf: „Sei still Fisch“, und alles ist aus.
Der lang anhaltende Schlussapplaus wird der formal und emotional außergewöhnlichen Annäherung an einen, vielleicht schon wieder zu sehr ins Abseits gerückten, Autoren wie Borchert da mehr als gerecht. Tanz, Klang, Stimme, Text und Musik – so kann es (zusammen)gehen.
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