Zweiteilige Reihe „Ästhetik des Hässlichen“ im Friedberger Kunstverein eröffnet

8. Februar 2010 | Von | Kategorie: Kunst

Spuren einer Performance: Egon Schrick eröffnet seine „Amazonas“-Ausstellung mit einer archaischen Aktion, deren Ergebnis die Ausstellung erst komplettiert

FRIEDBERG. Zerstörung durch Zerstörung ein Bild geben – so hat es Egon Schrick in seiner aktuellen Arbeit „Amazonas“ im Friedberger Kunstverein gezeigt. Oder zeigt er es noch? Wenn die renommierte „Kunstzeitung“ im Performance-Sonderteil ihrer Januar-Ausgabe feststellt, dass es von Alan Kaprow und den Fluxus-Happenings bis zu Chris Burden und Wolfgang Flatz den Künstlern immer darum ging, durch den eigenen Körper als Kunstobjekt zu zeigen „wie Körperlichkeit kodiert ist, Rollen festgeschrieben werden und was der Mensch zu erleiden hat“, dann geht Schrick quasi den umgekehrten Weg. Wenn sein nackter Körper die Kohlestiftlinien seiner kartografischen Bodenzeichnung verwischt, dann ist es genauso der Körper, der das Kunstwerk zerstört wie insgesamt eine Meta-Allegorie auf die Destruktivität des Menschen gegenüber der Umwelt.

Im Rahmen der zweiteiligen Reihe „Ästhetik des Hässlichen“, kuratiert von Joachim Albert, hat der 75-jährige Schrick den Amazonas von seiner peruanischen Quelle bis zur Mündung an der brasilianischen Atlantikküste, auf dem Boden der zwei Ausstellungsräume des Kunstvereins skizziert. Dazu liegen und hängen überall Zeitungsausschnitte, die Auskunft über die  politische und soziale Situation in den Staaten Lateinamerikas geben.

Rituelles Murmeln

Während die etwa 40 Vernissage-Besucher sich zwischen den beiden Bild- oder besser Informationsebenen umschauen, bittet Schrink sie auch schon in den hinteren Raum. Dann zieht er sich aus, legt sein Bündel quasi zu Füßen der Amazonas-Quelle und beginnt seine Performance.

Der gebürtige Krefelder, der nach Werkkunstschule und Architekturstudium seit 1960 als freier Künstler arbeitet, scheint regelrecht in Trance zu fallen. Er wälzt sich über die Kohlestift-Kartographien und verwischt ihre Konturen. Dazu stimmt er einen beunruhigenden Gesang von Urgeräuschen an. Wortpaare  wie „Quelle-Hölle“ schälen sich aus dem rituellen anmutenden Geräuschteppich heraus. Aber auch „Orinoko“ oder „Sozialismus“ werden zwischenzeitlich hörbar.

Helden der Hoffnung

Dann wird deutlich, warum die Ausstellung mit „Zeichnung und Aktion“ untertitelt ist. Aus der Performance heraus, bei der Schrick seinen gesamten Körper schwarz färbt, kommt er immer wieder ins Zeichnen und bringt erstaunlich präzise Figurenskizzen auf die hinterste Wand des zweiten Ausstellungsraumes. Die Namen darunter sind deutlich lesbar: Boliviens Präsident Evo Morales oder Alan García, sozialdemokratischer Staatschef Perus. Sie gelten Schrick als „Hoffnungsträger Lateinamerikas“, wie er später erklärt.

Hat man Schrinks allegorisches Verfahren erkannt, mag einem das Ganze vielleicht etwas plakativ und politisch vielleicht leichtgläubig erscheinen. Aber die archaische Kraft, mit der Schrick „Amazonas“ in den Kunstverein bringt, bleibt haften und animiert zu Diskussionen, über ästhetische wie soziale Fragen zugleich. Das ist das faszinierende. Was die Besucher der „Überreste“ von Zeichnung und Aktion hier wahrnehmen und entziffern werden, stellt sich schon am Ende der Vernissage als ebenso spannende Frage. Die Spuren der Performance sind es, die Schrick trotz seiner Abwesenheit in der, durch seinen Körper zerstörten und erweiterten, Zeichnung bis zum Ende der Ausstellung zeigt.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 15 bis 18 Uhr. Im Rahmen der Finnissage am 14. März findet ab 15 Uhr ein Gespräch über die Ausstellung mit Karin Rogalski statt.


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