Jungfern-Lesung für Gießens Literaturzentrum mit Jochen Schmidt

7. Februar 2010 | Von | Kategorie: Literatur

GIESSEN. „Willst Du ein Würstchen, oder zwei?“ – „Eins.“ – „Du kannst aber auch zwei haben.“ – „Na gut, dann zwei.“ – „Dann muss ich aber erst noch einmal einkaufen gehen.“ – Nein, dann doch nur eins.“ – „Ach, ich geh’ schnell einkaufen, das macht mir nichts aus.“ Ein Dialog, wie ihn viele erwachsene Kinder von Besuchen bei ihren Eltern kennen. Pointiert vorgetragen von dem Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt, sorgte er mit den anderen Texten für unbändige Heiterkeit in der Aula der Pestalozzischule Gießen.

100 Besucher waren gekommen, um den deutschen Kultautor zu erleben. Eingeladen hatte das Literaturisches Zentrum Gießen (LZG), ein neu gegründeter Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das Lesen und die Rezeption von Literatur in Mittelhessen zu fördern. In den ehemaligen Räumen der Stadtbibliothek wird das LZG nach umfangreichen Renovierungsarbeiten ab April sein festes Domizil bekommen.

Gelenkstelle zwischen Stadt und Universität

„Mit der Lesung von Jochen Schmidt nimmt das Literarische Zentrum seine öffentlich sichtbare Tätigkeit auf“, sagte Prof. Dr. Sascha Feuchert zur Eröffnung. Der Vorsitzende des LZG e. V. betonte, dass mit dem LZG die Stadt und die Universität näher zusammen rücken sollten. „Wir planen viele neue Formen, wie literarische Hausbesuche und Lesungen an ungewöhnlichen Orten, so Feuchert.

„Gießen gehört seit jeher zu den Städten mit reichem literarischem Leben, man denke nur an Georg Büchner und Ludwig Börne oder auch Roderich Felde und Peter Kurzeck“, sagte die Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe- Bolz in ihrer Begrüßung der Gäste. Die Gründung des Literarischen Zentrums sei ein wichtiger Schritt zu Bewahrung und Weiterführung dieser Tradition.

Am Puls der Zeit

„Die Literatur ist eine der Gelenkstellen der zwischen der Stadt und der Universität“, sagte Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität. Wer auf den Stadtplan schaue, könne ohne Vermessenheit sagen, die Stadt sei der Campus, so der Präsident weiter. So sei es zu begrüßen, dass mit dem LZG eine weitere Plattform für die Verbindung von Universität und Stadt geschaffen worden sei.

Bevor der Vorsitzende des LZG den Autor vorstellte, gab es eine musikalische Einlage von besonderer Qualität, dargeboten von den Geschwistern Claudia und Robert Henning an Akkordeon und Klavier. Der Rest des Abends gehörte den Texten Jochen Schmidts, die von umwerfender Komik und Ironie geprägt sind.

„Da ich nun ja als komischer Autor angekündigt bin, kann ich wieder nicht ernstes vorlesen“, klagte Schmidt zu Beginn scherzhaft. Und dann bewies er, dass die hohe Literatur durchaus heiter und satirisch sein kann. Pointiert nimmt Schmidt den Alltag, die Politik und die Kindheit aufs Korn. Der Text „Meine Ängstlichkeit“ ist ein umwerfend komisches Sammelsurium aus den absurden Ermahnungen, mit den Eltern Kindern das Wassertrinken nach dem Genuss von Kirschen, das Verdrehen den Augen und das Grimassenschneiden zu verbieten versuchen.

Mit seinen Betrachtungen über den Finanzskandal traf Schmidt den Nerv der Zeit und seine Überlegung, mit dem Finanzamt „Katzenkasse“ zu machen, also einfach sein gesamtes Geld auf den Tisch des zuständigen beamten zu legen und ihn zu bitten davon so viel zu nehmen, wie der Staat braucht, stieß bei den Zuhörern durchaus auf Zustimmung.

Auch wenn  die Steuererklärung in einem halben Nachmittag erledigt sei, nütze ihm das wenig, so Schmidt. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Dinge, die ich an einem Nachmittag erledigen könnte viele Nachmittage nicht mache“, so das Resümee. Nach der Lesung signierte der Autor noch seine Werke und blieb mit den Besuchern zum Sektempfang des LZG zusammen.

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