Götz Widmann mit „Hingabe“ im Kulturladen KFZ
3. Februar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: KonzerteBerufsberatung, Sitzpinkeln und Libido: ein Liedermacher kann auch anders. Nämlich englisch, auch wenn das in diesem Fall eher dadaistischer Lautpoesie gleichkommt
MARBURG. „Hingabe“ heißt das neue Album von Götz Widmann, mit dem der inoffizielle „Godfather of Liedermaching“ derzeit durchs Land tourt. Nach Alben wie „Drogen“, „Böäöäöäöäöä“ oder kopulierenden Tomaten auf dem Cover von „Habt Euch lieb“ ein geradezu hochkulturell anmutender Titel.
Dass seine beiden Doppelkonzerte im Kulturladen KFZ bis in die letzte Ecke ausverkauft sind, dürfte niemanden mehr überraschen. Bereits zum neunten Mal sei er in Marburg, das ihm nicht nur wegen dem studentischen Publikum sehr gut gefalle. „Man kann hier wirklich schön spazieren gehen“, meint der 44-Jährige an der KFZ-Theke, während sein ehemaliger Azubi Kriss das sitzende, hockende und stehende Publikum mit ironisch gebrochenen Abgesängen auf Affären und Beziehungen schon mal anheizt.
Dann der Abklatsch und Widmann betritt die Bühne. Die Stimmung steigt noch mal leicht. Das Publikum liebt den Meister der lässigen Pointe. Ein gestandener Sarkast mit wachem Blick und Ohrwurmqualität – textlich nach wie vor staubfrei und weiterhn die Gallionsfigur wider die zupfenden Weltverbesserer alter Liedermachergarden.
Für seine Kollegen sieht Widmann sogar einen regelrechten Boom aufziehen. Nicht nur mit Blick auf Kriss, Rüdiger, Flotte Totte, Heinz Ratz oder all die anderen, die auf seiner Homepage verlinkt sind. Vor allem natürlich mit Blick auf das KFZ-Konzert der Monsters of Liedermaching am 23. Februar. Und unwahrscheinlich ist es sicher nicht, dass der Zenit einer Bewegung da erst noch erreicht werden muss.
Beziehungsthemen lassen Götz Widmann auch auf der neuen Platte nicht los. Davon zeugt gleich zu Anfang schon die Nummer „Streiten und lieben“. Sitzpinkeln und Libido ziehen sich dank Songs wie „Schwanger“ oder „Mannhirn“ thematisch ebenso durch den Abend wie absurde Formen der Berufsberatung in der Nummer „Sozialberuf“. Das Lied der Stunde hingegen ist „Laptopwebcammann“, worin Widmann wahrlich pointiert den Daten-Exhibitionismus in sozialen Netzwerken wie Studivz oder Facebook torpediert.
Lautpoetischer Höhepunkt des ersten Teils ist Widmanns erster Song in englischer Sprache. Die Entstehungsgeschichte spielt im australischen November, wie Widmann lang und breit erklärt und die Zuhörer gekonnt auf die Folter spannt. Was dann mit „Bubble Bubble Blablabla“ erklingt, sorgt für entsprechende Reaktionen und ist dem translingualen Dadaismus irgendwie näher als englischer Syntax.
Im zweiten Teil folgt dann Altbewährtes: die bekannten Hits von der „Zaubersteuer“ bis zur „dritten Hand“ oder der ganz besondere Hund „Eduard“ garnierten das Programm ebenso wie der Auftritt von Überraschungsgast Rüdiger Bierhorst.
verwandte Artikel
- Hymnen und eine Standpauke: Jupiter Jones geben gefeiertes Konzert im Kulturladen KFZ – Vorband Sonar machen souverän die Standheizung
- Schräge Countrymusik und anspruchsvoller Anti-Folk im Café Vinyl
- Abendliche Überraschung am Tag der Querflöte
- Räume voller dionysischer Ideen: Das Projekt „Rauschhaus“ zelebriert die ästhetische Hausbesetzung
- “Zwischendurch blitzt dann immer mal wieder was Interessantes auf” – Gespräch mit Magic Marcel, Organisator von “Unter dem Pflaster der Strand”









