Subkultur im ehemaligen Jugoslawien

1. Februar 2010 | Von | Kategorie: Theorie

„Die Gedanken sind blockfrei“: Johannes Ullmaier und Natalja Kyaw halten aufschlussreichen Vortrag mit Hörbeispielen zu Punk und New Wave in Titos Vielvölkerstaat

GIESSEN. Sie hießen und heißen Azra, Laibach, Elektricni Orgazam oder Idoli und hatten stilistisch mit ihren westlichen Pendants mehr gemein, als man zunächst vermuten würde: Punk- und New-Wave-Bands im ehemaligen Jugoslawien. Unter dem Titel „Die Gedanken sind blockfrei“ hielten Dr. Johannes Ullmaier von der Guttenberg-Universität Mainz und Natalja Kyaw von der Maximilians-Universität München im rappelvollen Kulturcafé Giramondi einen aufschlussreichen Vortrag nebst Hörspielen über die subkulturelle Bewegung. Die Veranstaltung fand im Rahmen der kulturwissenschaftlichen Reihe „Mehr als Tito und Ćevapčići“ des Instituts für Slavistik der Justus-Liebig-Universität statt.

Ullmaier und Kyaw im Café Giramondi.             Bilder: ROstoff

Ullmaier und Kyaw vermittelten einen interessanten Eindruck über die Komplexität der jugoslawischen Szene, die in Titos blockfreiem Vielvölkerstaat allerhöchstens unter „repressiver Toleranz“ zu leiden hatte, wie Ullmaier es zusammenfasst. Einerseits schafften es Bands wie Pankrti – nach eigenen Angaben die „erste Punk-Band hinter dem Eisernen Vorhang – die serbisch-kroatisch-slowenischen Sprachgrenzen zu überspringen, Kultstatus zu erlangen und sogar im viel strikteren Polen Fangemeinden zu erschließen. Jugoslawien gehörte eben nicht unmittelbar zum Einflussbereich der repressiven Sowjetunion und so waren auch radikale Künstlerexistenzen wie die eines Satan Panonski oder Kollektive wie Neue Slowenische Kunst möglich. Die Bewegung war dabei genauso von allgemeiner Subversion wie fragwürdiger Provokation mithilfe faschistischer Symbole geprägt wie etwa die englischen „Sex Pistols“. Ebenso schafften es Bands wie „Idoli“ oder „Disciplina kicme“ ihren westlichen New-Wave-Kollegen an klanglicher Avantgarde problemlos aufzuschließen. Ullmaier betonte dabei auch verschiedene Paradoxien innerhalb der Szene, wie die Tatsache, dass viele dieser Bands, die textlich auch äußerst kritisch waren, trotzdem durch staatliche Kulturtöpfe gefördert wurden. Aber gerade so konnten die Bands ihren Teil zu einem jugoslawischen Intellektualismus, Urbanismus und Modernismus beitragen.

Die Veranstaltungsreihe geht am 3. Februar ab 10 Uhr mit dem Film „Red Coloured Grey Truck“ im Philosophikum II weiter und endet am 9. Februar um 18 Uhr im Philosophikum I mit Dorde Tomics Vortrag „Die studentische Bewegung im Serbien der Ära Milosovic“.


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Ein Kommentar
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  1. Liebe Redaktion,

    vielen Dank für den Artikel zum Hörvortrag. Nur eine kleine Anmerkung: die Veranstaltungsreihe war hauptsächlich von der Südosteuropäischen Geschichte organisiert, zu dem die Slawistik einen Vortrag und drei Filme beigesteuert hat. Der Hörvortrag lief unter der AG Kulturmanagement des GCSC und der SIVO (studentische Interessensvertretung Osteuropa).

    Viele Grüße

    Claudia.

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