David Wagner liest in der Waggonhalle aus „Vier Äpfel“

30. Januar 2010 | Von | Kategorie: Literatur

Obst als Auslöser der Erinnerung: Auf Einladung des Marburger Literaturforums bietet der Berliner Autor Einblicke in seinen neuesten Roman

MABURG. Im Supermarkt fängt alles an. Ein Mann legt vier Äpfel von genau 1000 Gramm Gewicht auf die Obst- und Gemüsewaage. Wie durch einen Impuls gestoßen, beginnt der Protagonist in David Wagners Roman „Vier Äpfel“ daraufhin das Erinnern an Kindheit und seine einstige Liebe „L.“, aber auch seine Skepsis gegenüber der Gegenwart. Und das alles zwischen Gemüseregalen und Käsetheken. Wagners Hauptfigur denkt ebenso leidenschaftlich über Tiefkühlpizza nach wie über die Gerüche von früher und landet im Gedanken an die wurmstichigen Äpfel seiner Kindheit direkt im Keller der Großmutter.

Nun, es war etwas kühler im Saal, da kann ein Autor auch schon mal in voller Montur lesen. Bilder: ROstoff

Obst wird regelrecht zum Auslöser von Sehnsucht und Erinnerung und am Zeitschriftenregal meint er plötzlich die verflossene „L.“ auf der Titelseite eines Hochglanzmagazins zu entdecken. Wunderbar, eine ebenso leise wie hervorragend beobachtete, leicht melancholische  Tour d’Horizon entlang der Alltagskultur unserer Gegenwart.

Und natürlich fällt diese Qualität nicht einfach vom Himmel: Schon sein Debüt „Meine nachtblaue Hose“ war 2000 ein enormer Erfolg. Wagner schrieb in der Folgezeit Feuilletons für die Berliner Seiten der „Frankfurt Allgemeinen Zeitung“ und hatte eine Kolumne in der Wochenzeitung „Die Zeit“. In der schrieb Hubert Winkels dann auch über „Vier Äpfel“ völlig zu recht von einem „gelungenen Tagtraum über Warendesign und Vanitas“.

Auf Einladung des Marburger Literaturforums, des Kulturvereins Strömungen und der Buchhandlung Roter Stern ist der Wahl-Berliner kürzlich für eine Lesung in die Waggonhalle gekommen. Die leider gerade mal 20 Besucher goutierten die literarische Stunde sichtlich. Nicht nur, weil der 38-Jährige, mit Döblin-Stipendium und Glaser-Preis bereits hoch dekoriert, ebenso federleicht vorliest wie er schreibt.

Es ist die Geschichte um diesen namenlosen Ich-Erzähler, „kinderlos und Mitte 30“, so Wagner, deren hoher Widererkennungswert fasziniert. Voller kultureller Artefakte des Alltags ist Wagners Prosa dabei. Was Jan Süselbeck vom Literaturforum im späteren Publikumsgespräch zu der Frage veranlasste, ob Wagner sich zur Gattung Popliteratur zählen würde. Doch Wagner verneint, weiß eigentlich gar nicht, wie die Gattung zu definieren ist und nimmt es eher als Kompliment, wenn ihm der Stempel nicht aufgedrückt wird. Dabei würden Wagners bis ins Absurde kletternde Produkt- und Lebensanalysen durchaus zur Marke Popliteratur passen. Und als Autor der Generation Golf firmiert er ja sowieso.

Auf die Frage, wie er darauf gekommen sei, gerade einen Roman, an dem er mit Unterbrechungen auch noch über sechs Jahre gearbeitet hat, an einem profanen Ort wie einem Supermarkt spielen zu lassen, entgegnet er, er könne es selbst nicht erklären. Und überhaupt scheint David Wagner gar nicht so gern über seine schriftstellerische Arbeit reden zu wollen. Dafür aber von seiner Zusammenarbeit mit der Band „Britta“, mit deren Sängerin Christiane Rösinger er den Songtext für „Was alles fehlt“ vom Album „Lichtjahre voraus“ geschrieben hat. Und wagner freut sich, dass am Büchertisch in der ziemlich unterkühlten Waggonhalle längst vergriffene Exemplare seiner gleichnamigen Erzählungen „Was alles fehlt“ von 2002 zu finden sind. Womit schließlich nahtlos zum Signieren übergegangen werden konnte.

David Wagner: „Vier Äpfel“, Rowohlt Verlag, Hamburg, 158 Seiten, 17,90 Euro.


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