Hermann Schein inszeniert Heiner Müllers “Germania Tod in Berlin” am Stadttheater
24. Januar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: TheaterVom „Brandenburgischen Konzert“ zum 17. Juni bis zur Wende: Hermann Schein inszeniert Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ am Stadttheater
GIESSEN. Zwischen Ideal und Realität – Heiner Müller, lebenslanger Skeptiker gegenüber positiver Geschichtsschreibung, formt in „Germania Tod in Berlin“ ein weitläufiges Spannungsfeld. Hermann Schein, nach Shakespeare, Ibsen und Goldoni wieder am Stadttheater tätig, macht Müllers vordergründig geradezu burlesk angelegte Entstehungsgeschichte der DDR zum gesamtdeutschen Bilderbogen. Vom germanischen Pathos nahezu befreit und mit zwei Szenen aus dem unvollendeten „Germania 3“ bis in die Wende-Zeit ergänzt, schafft Schein ein durchaus berührendes, fast ideologiefreies Theatererlebnis.
Massenmörder, Edel-Hure, Mauerbau
Teilweise mucksmäuschenstill ist es bei der Premiere. Schein folgt dem Panorama „Deutscher Sonderweg“, ohne sich in Details zu verlieren. Nur bei den „roten Fahen über Rhein und Ruhr“ kommt doch noch der Müller durch, der 1978 zwar die Uraufführung des Stückes an den Münchner Kammerspielen bewerkstelligte, die BRD zeitweise aber vielleicht doch für den größeren Verbrecherstaat hielt.
Zeiten und Regimes greifen ineinander, zahlreiche Schauplatzwechsel und eine gewaltige Personalbewältigung bestimmen die Szenerien, in denen USPD, NSDAP und SED ebenso vorbeiziehen wie Massenmörder Haarmann, Mauerbau, Edel-Hure Rosemarie Nitribitt und dann ab 1990 der hanseatische Geldadel und die Treuhandgewinnler. Manchem mag das vielleicht zu assoziativ sein, der Abend ist aber nun mal als Collage und Historien-Revue angelegt.
Schlösser, Bunker, Parlamente
Das Schauspielensemble schlüpft vom Spartakus-Bund über Wehrmachtsoffiziere und Prostituierte bis zum Stasi-Spitzel und Arbeiter in über 40 Rollen. Schein blättert einen Bilderbogen auf, der als „Brandenburgisches Konzert“ und der Niederlage der Novemberrevolution 1918/19 in Berlin beginnt und bis zum Schluss um die Ereignisse des 17. Juni 1953 gruppiert ist. Als roter Faden zieht sich allein die Ernüchterung über Brutalität der Dreh- und Angelpunkte deutscher Geschichte durch die knapp zwei Stunden pausenlosen Schauspiels.
Ausstatter Stefan Heyme hat dafür ein marodes Holzkarussell auf die Bühne gestellt. Vor dem prächtigen Sinnbild können ohne große Umbauten problemlos Kneipen, Schlösser, Bunker, Parlamente, Straßen und Bordelle vorbeiziehen. Das Gefüge der deutschen Gesellschaft im Angesicht seiner Geschichte führt Schein meisterlich vor. Stefan Schreck hat dafür eine Instrumentalmusik gefunden, die das Grauen einzelner Phasen eindrücklich unterstreicht.
Alter Fritz mit roter Nase
Wenn der kroatische SS-Mann (kurzzeitig hüllenlos: Christian Lugerth) im Schatten des Kannibalismus in Stalingrad ins ostpreußische Schloss kommt, und von den Gräfinnen (Petra Soltau, Carolin Weber, Irina Ries) gebeten wird, sie zu ermorden und in der Heimat später seine ganze Familie hinschlachtet, wird einem die Barbarei der Vergangenheit deutlich vor Augen geführt. Ebenso wenn auf dem Bau die Gewalt zwischen Streikenden und Streikbrechern der DDR entbrennt, und besonders beim Auftritt eines Kommunisten (Frerk Brockmeyer), der im Gestapo-Keller gefoltert zum Spitzel wurde.
Die vulgäre Clownsposse von aufgeklärt-despotistischen Preußenkönig Friedrich des Großen mit dem aufmüpfigen Müller von Sanssouci (Roman Kurtz, Dominik Breuer) sind die einzigen Momente, wo das Publikum dank frivoler Flötentöne und roter Nase etwas zu lachen hat. Was natürlich für den Abend spricht, der mit dem deutlich biografischem Bezug zum Krebstod des Autors endet. Deutsche Geschichte, ein widerwärtiges Geschwür – für das 20. Jahrhundert kann man es so sehen.
Weitere Aufführungen: 4., 12., 20. und 27. Februar jeweils um 19.30 Uhr.
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Haarmann, Mensch, Haarmann heißt er der Fritze, wie sie einst sangen:
„Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus dir.
Aus den Augen macht er Sülze,
aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste
und den Rest, den schmeißt er weg.
In Hannover an der Leine,
Rote Reihe Nummer 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann,
der schon manchen umgebracht.
Haarmann hat auch ein’ Gehilfen,
Grans hieß dieser junge Mann.
Dieser lockte mit Behagen
alle kleinen Jungen an.“