Susanne Esche und Robert Blaszczyk im Oberhessischen Museum

22. Januar 2010 | Von | Kategorie: Aufmacher, Kulturpolitik, Kunst

Vom „Nachtwechsel“ zur „Konfrottation“: Die Bilder der beiden Folkwang-Schüler bieten reichhaltige Einblicke in die Möglichkeiten eines Mediums unter generellem Realismusverdacht

GIESSEN. Sie wolle auch in Zeiten knapper Kassen ein waches Auge und offene Ohren für Kulturförderung haben und schloss mit „Kunst bleibt eine Hoffnung“ ihre erste Begrüßungsrede als Kulturdezernentin im Oberhessischen Museum: Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz betonte mit Blick auf die aktuelle Ausstellung zudem die fruchtbaren Dialoge, die die fotografischen Arbeiten von Susanne Esche und Robert Blaszczyk hervorrufen. Museumsdirektor Dr. Friedhelm Häring nannte es in seiner Einführung, die er wegen der „vielen klugen Worte“ der Oberbürgermeisterin und Kulturdezernentin schon fast für überflüssig hielt, ein „spannendes Gespräch über die Möglichkeiten der Fotografie“, das hier noch bis zum 4. April stattfindet.

Robert Blaszczyk und Susanne Esche vor Blaszczyks “Konfrottation”.                          Bilder: ROstoff

Es sind in der Tat „fotografische Erlebnisräume“, die die 61-jährige Esche und der Eleve Blaszczyk – beide an der Essener Folkwangschule ausgebildet –, hier laut Häring zeigen. Zwei Generationen, zwei Ästhetiken, Mann und Frau – man könnte lang und breit die Stile realistischer, dokumentarischer, fantastischer oder inszenierter Fotografie inklusive Gender Trouble herbeizitieren, um die Herkünfte und Querverweise beider nebeneinander zu stellen.

Zeit und Raum

Doch wozu: Es geht bei Esche wie bei Blaszczyk nicht nur um die Fragen von Ist-Zustand und Ideal, von objektiver Wirklichkeit und gefühlter Subjektivität, sondern um Fragen von Zeit und Raum im Kontext von Auswählen, Auslösen und Belichtung. „Was heißt eigentlich Momentaufnahme?“ – könnte man als zweiten Untertitel aufs Plakat schreiben. Wo fängt Verfremdung an, wo hört Realismus auf. Gerade bei Esche, die lange Jahre für viele angesehene Magazine als Fotojournalistin gearbeitet hat, sieht man alles andere als „Schnappschüsse von Welt“. Die Arbeit am Bild und an der Bildidee ist hier zentral, die Titel sind geradezu poetisch.

Symmetrie und Chaos

Die Polaritäten von Symmetrie und Chaos, Innen- und Außenraum flackern außerdem bei beiden auf. Die Unschärfe als Stilmittel verbindet Esches und Blaszczyks Ästhetiken ebenso. Esche etwa zeigt mit der achtteiligen Reihe „Wo das Meer beginnt“ ein verschwommenes Strandleben aus der Gegenwart. Das bunte Treiben vor der Weite des Horizonts lässt durch seinen Konturverlust einen Zwischenraum der Un-Zeit entstehen, wo Zivilisation und Urgewalt wie eingefroren scheinen. Daneben reduziert ihre Reihe „Nachtwechsel“ Hochhaus-Architektur auf fast gespenstische Weise zum  Skelett von Lichtpunkten und Linien.

Blaszczyk hingegen thematisiert mit „Konfrottation“ und „Komposition“ ein Spiel von Ordnung, Anordnung und Unordnung. Bemerkenswert ist seine fünfteilige Reihe „Being Francis Bacon“, in der ein junger Mann – in einem Atelier, als Francis-Bacon-Double inszeniert –, durch sein körperliches Verhalten, einen cholerischen Anfall vor der Kamera für Unschärfe sorgt. Bacon, dessen zentrales Thema in der Malerei die Darstellung des menschlichen Körpers war, wird durch die Topoi Bewegung, Belichtung und Unschärfe zum einleuchtenden Sujet von Blaszczyks Fotografie.

Noch bis zum 4. April. Öffnungszeiten dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr. 14. bis 16. Februar geschlossen.

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