„Vier Äpfel“ und andere Kostbarkeiten in der Waggonhalle
21. Januar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: AusgechecktItalienisches Theater nach Dario Fo, eine Lesung mit David Wagner und eine Schreibwerkstatt bestimmen aktuelles Programm des Marburger Kulturzentrums
MARBURG. „Gli imbianchini non hanno ricordi – Anstreicher sind vergesslich”, ein Stück von Dario Fo zeigt die Theatergruppe des Instituts für Romanistik am Dienstag, 26. Januar, ab 20.30 Uhr in der Waggonhalle. Der Eintritt ist frei.
Die Gruppe stürzt sich anderthalb Stunden lang in die farbklecksend-chaotische Farce des Versuchs, auf diese Fragen eine Antwort zu finden – mag sie auch noch so skurril sein.
Wachsfiguren im Sessel – Turbulenzen im Bordell
Zwei Anstreicher kommen zu einer Witwe mittleren Alters, um einige Arbeiten durchzuführen. Das klingt nach einer eher wenig aufregenden Alltagssituation. Was aber ist, wenn eigentlich gar nicht gestrichen werden soll, wenn die Anstreicher gar keine Anstreicher sind, eine Wachsfigur des toten Gatten in einem Sessel im Wohnzimmer herumsitzt, die Witwe mit dubiosen Insektizid-Injektionen experimentiert und sich all das in einem Bordell abspielt, wo nostalgische Freier und die aufgedrehten weiblichen Angestellten durcheinander laufen? Was, wenn das Ganze der verrückt-genialen Feder Dario Fos entflossen ist?
Auf Einladung des Marburger Literaturforums liest am Mittwoch, 27. Januar, Schriftsteller David Wagner aus seinem aktuellen Werk „Vier Äpfel“. Eintritt: 6,-, ermäßigt 3,- Euro.
Zum Buch teilt die Waggonhalle mit: Mit vier Äpfeln fängt alles an. Ein Mann, der weniger zu tun hat, als ihm lieb ist, erlebt an der Obst- und Gemüsewaage seines Supermarkts einen magischen Moment: Die grüne Leuchtanzeige zeigt 1-0-0-0. Vier Äpfel, die zusammen genau tausend Gramm wiegen? Er ist, er weiß selbst nicht genau, wieso, gerührt, klebt das Etikett mit der Strichcodezeichnung vorsichtig auf die Tüte und schiebt seinen Wagen durch eine so bisher kaum beachtete Welt. Seine Gedanken schweifen ab in eine Zeit, als man noch in kleineren Läden andere Dinge kaufte, zu „Frühergerüchen“, zum Einkaufsverhalten überhaupt, und er erinnert sich an L., die Frau, die ihn verlassen hat.
„Vier Äpfel“ erzählt von tieftraurigen Produkten und ihren Konsumenten, erzählt die Geschichte einer alten Liebe, einer Gegenwart, die immer schon vergangen ist. David Wagner hat einen Roman geschrieben, der Wahrnehmungsweisen schärft, sie vielleicht sogar verändert. Darin liegt seine große Kunst. David Wagner,
geboren 1971 in Andernach, veröffentlichte seit 2000 sein viel beachtetes Romandebüt „Meine nachtblaue Hose“, die Erzählungen „Was alles fehlt“, zuletzt den Prosaband „Spricht das Kind“. Er wurde u. a. mit dem
Walter-Serner-Preis, dem Dedalus-Preis für Neue Literatur und dem Georg-K.-Glaser-Preis ausgezeichnet. David Wagner lebt in Berlin.
Am Donnerstag, 28. Januar dann findet in der benachbarten Kneipe „Rotkehlchen“ eine Schreibwerkstatt der Fachschaft Germanistik und Medien statt. Ob düstere Entwicklungen wie die Klimakatastrophe, das
Bachelor/Master-System, die Finanzkrise oder der hoffnungsfrohe Blick auf Positives: Die „Zeitzeichen“ zu deuten und sie literarisch umzusetzen war die Aufgabe des beliebten und mittlerweile elften studentischen Schreibwettbewerbs, den die Fachschaft Germanistik und Medien wieder in diesem Semester veranstaltet.
Die fünf besten Teilnehmer werden erst kurz vor der Lesung informiert und präsentieren ihre Texte im Rahmen einer Autorenlesung dem Publikum und einer Jury, zu der neben Literaturwissenschaftlern der Philipps-Universität Marburg auch eine Autorin und eine Lektorin des Fischer Verlags gehören. Wie immer wird die Jury alle Beiträge kommentieren, bevor sie ihren Sieger benennt, und auch das Publikum darf in einer geheimen Wahl den Gewinner des Publikumspreises bestimmen.
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