Nobelpreisträgerin Herta Müller ist die bekannteste Vertreterin einer Gattung: Vortrag über die Literatur der deutschen Minderheit in Rumänien
19. Januar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: LiteraturWETZLAR. Wieder hilft Kollege Klaus- J. Frahm mit seinen Spionagefähigkeiten aus. Diesmal im spannenden Fall um das Thema „Deutschsprachige Literatur in Rumänien“, das in der Phantastischen Bibliothek verhandelt wurde:
„Als wir die Veranstaltung konzipierten, war noch nicht bekannt, dass Herta Müller den Nobelpreis erhalten würde.“ Das sagte Johannes Lutz zu Beginn seines Vortrags über „Deutsche Literatur aus Rumänien“.
Der Wetzlarer Literaturwissenschaftler und Lehrer war während eines siebenjährigen Lehraufenthalts in Rumänien auf das reichhaltige literarische Angebot aus den Federn der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen aufmerksam geworden.
„Herta Who?“
In der Phantastischen Bibliothek stellte Lutz eine Reihe wichtiger Schriftsteller aus der Region vor, die seit 1920 unter dem Namen Rumänien eine eigenständige Nation ist. Vierzig Zuhörer waren gekommen um diese besondere Unterart der deutschsprachigen Literatur kennen zu lernen.
„Herta Who?“ habe eine Kommentatorin der Washington Post im Herbst getitelt, als die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller bekannt gegeben wurde. Dass der Name in den USA auch an germanistischen Instituten nur wenigen ein Begriff sei, spreche allerdings eher gegen die Germanisten in den USA als gegen das Nobelpreiskomitee. Herta Müller, Trägerin zahlreicher Literaturpreise, gehört seit drei Jahrzehnten zu den bedeutendsten Schriftstellern deutscher Sprache, so Lutz.
In kurzen Textbeispielen stellte Lutz Schriftsteller Adolf Meschendörfer, Nikolaus Lenau, Adam Müller-Guttenbrunn und viele andere vor. Dazu gab er zu jedem Literaten einen kurzen historischen Abriss über dessen Leben und die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe.
Literarisches Subgenre rückt in den Fokus
Zwei große deutschsprachige Bevölkerungsgruppen gebe es in Rumänien. Um das 12. Jahrhundert seien die Siebenbürger Sachsen in die Region geholt worden und im 18. Jahrhundert die Banater Schwaben. Obwohl beide deutschsprachig geblieben seien, habe sich keine besondere Verbindung zwischen den beiden Gruppen entwickelt.
Nach dem Weltkrieg II. seien von 1945 bis 1949 zunächst 80 000 Menschen aus beiden Gruppen nach Sibirien und in die Ukraine deportiert worden und 1951 bis 1956 innerhalb Rumäniens 50 000 in den Baragan. Schriftsteller, wie Oskar Pastior, Eginald Schlattner und Erwin Wittstock verarbeiteten in ihren Werken die schwierige Situation der Menschen in den beiden deutschen Exklaven.
Mit dem Nobelpreis sei eine literarische Gattung in den Fokus des Interesses gerückt worden, die schon lange mehr Aufmerksamkeit verdient habe, so Lutz. Auch wenn die Einordnung der Werke als „Deutsche Literatur in Rumänien“ in Fällen, wie den Arbeiten von Paul Celan und anderen nur sehr vage möglich sei, eröffne sich aus dem Kreis der im Banat und in Siebenbürgen geborenen Schriftsteller eine literarische Facette, die faszinierend und lesenswert sei.
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