Schattentanz, Alltagsexpedition und „Abschottung“: Zum vierten Mal fand das junge „Instant“-Festival mit sechs Arbeiten bei den Theaterwissenschaften statt

18. Januar 2010 | Von | Kategorie: Theater

GIESSEN. Alles andere als wasserlöslich: Bereits mit der vierten Ausgabe steht das junge Instant-Festival auf Augenhöhe mit „Theatermaschine“ und „Diskurs“. Zuletzt fand es in Hildesheim und davor bereits zweimal in Gießen statt. Entstanden als Austausch- und Kommunikationsmodell zwischen den Studiengängen Szenische Künste der Uni Hildesheim, den Gießener Theaterwissenschaften und zum ersten Mal den Performance Studies der Uni Hamburg, waren am Philosophikum II am Wochenende vier Bühnenarbeiten und zwei Installationen zu sehen.

Assoziative Flickenteppiche und „Schriftgeburten“

Mit Tim Marquards „Abschottung“, einem der Preisträger-Stücke beim diesjährigen Marburger Kurzdramen-Wettbewerb in der Regie der Gießener Studenten  Melchior B. Tracet und Hanke Wilsmann fiel nach einer kleinen Eröffnung auf der institutseigenen Wilsonstraße der Startschuss.

Matthias Jochmann, hier hinter seinem T-Shirt.         Bilder: ROstoff

Dem humorvollen Flickenteppich aus politischen, philosophischen und ökonomischen Assoziationen folgte die Hildesheimer Produktion „Schriftgeburten“ mit Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann, Johanna Weigmann, Jo Schleker und Juliane Hahn. Neben strikten Anweisungen ans Publikum belegten eine Cellistin, ein Priester, eine Hausherrin und ein Dienstmädchen dabei die Hauptrollen.

Wie ein Tanz um Naht- und  Kragenmitte

Tags drauf zeigte Georg Döcker (Gießen) die Performance „Ohne Titel“, die sehr reduziert die Differenz von Körper und Kostüm ins Zentrum stellt. Döcker lässt seinen Kommilitonen Matthias Jochmann einen Tanz um ein T-Shirt vollführen. Jochmann dreht das übergroße Kleidungsstück, schlüpft komplett hinein, liest äußerst trocken vom Hersteller-Etikett ab, hängt das schwarze Hemd vor sich an einen Haken, hüpft auf und ab, so dass die Schatten auf der Rückwand Einheit und Bruch von Körper und Kostüm widerspiegeln. Sehr fein, leise und genau, bis in die Lichtwechsel, ist das gearbeitet.

Kolloraturen und „Neukölln-Harakiri“

Eine ganz andere Energie hatte darauf die Hamburger Performance „Othersssss“ von Ivona Sijakovic, die eine Auseinandersetzung mit dem Anderen, mit dem Fremden sein will. Etwas befremdlich ist es jedoch zunächst, wenn Performerin Bee Chang, mit Becken und Schlegel ausgerüstet, asiatisch klingende Koloraturen und hohe Cs im Innenhof des Instituts intoniert, während auf einem Fernseher ein Mund die Zunge mit einem Eurostück darauf rausstreckt.

Flankiert wurden die Bühnenarbeiten von zwei Installationen: Die dokumentarische Arbeit „Neukölln Harakiri“ des Künstlerkollektivs „Jim Spastics & Hans Gender“, zeitversetzt auf zwei schräg gegenüberliegenden Bildschirmen gezeigt, versucht nach eigenen Angaben einen „Austausch zwischen Innen und Außen, dem Garten und der Stadt anzuzetteln“ und ist einfach eine charmante Alltags-Expedition mit herrlichen, leicht spleenigen

Darstellerinnen. „Findet mich das Glück? Was denkt mein Hund? Was macht meine Seele, wenn ich am Arbeiten bin?“ sind hingegen die absurd anmutenden Fragen, die Inga Wagner mit ihrer  „Wartezone“ stellt und dem Betrachter mit imposanten Einstellungen über den Dächern einer Stadt Raum gibt, ein Gefühl der Zeitlosigkeit zu erleben.

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