Wenn Stammtisch gegen Kopftuch prallt: Abdul M. Kunze bringt Tina Müllers „Türkisch Gold“ auf die TiL-Bühne – Premiere am Freitag

17. Januar 2010 | Von | Kategorie: Theater

GIESSEN. „Ein Deutscher und eine Türkin, das kann ja nicht gut gehen“ – so steht es schon auf dem Programmzettel zu „Türkisch Gold“, das Abdul M. Kunze derzeit im TiL inszeniert. Das Jugendstück (ab 14 Jahren) der Schweizerin Tina Müller (Jahrgang 1980) setzt anhand einer Urlaubsliebe zweier Teenager den bekannten „Clash der Kulturen“, den Aufprall zwischen Orient und Okzident ins Zentrum.

Jonas und Aynur heißen die beiden Hauptfiguren, aber Milan Pešl und Christin Heim spielen nicht nur die zwei Verliebten, sondern decken in Nebenrollen und Randerscheinungen gleich das ganze soziale Umfeld ab. Soviel durfte in der einstündigen „Kost-Probe“, in der dem Publikum im halb gefüllten TiL die ersten drei sowie die zwölfte Szene präsentiert wurde, schon mal verraten werden.

Erhellende Stereotypien

„Türkisch Gold“, im November 2006 unter dem Titel „Schweiz küsst Türkei“ vom Theater „Zamt und Zunder“ in Baden uraufgeführt, macht aus dem Hinterfragen und gleichzeitigen Bedienen von Klischees und Vorurteilen ein amüsantes Katz -und Mausspiel. Ob allerdings amüsant eher für diejenigen, die den Slang und die Anfeindungen tagtäglich erleben oder gerade für die, die sich „das (da unten) so vorstellen“, ist dabei vielleicht eine drängende Frage. Auf amüsante Weise erhellend ist „Türkisch Gold“ jedoch bereits, wenn es um männliche Stereotypien geht.

Die 29-jährige Dramatikerin Müller, die in Hildesheim Kulturwissenschaft, ab 2004 an der Berliner Universität der Künste „Szenisches Schreiben“ studierte und 2007/08 Stipendiatin des Autorenlabors am Düsseldorfer Schauspielhaus war, schafft mit jeder Szene ein Vor und Zurück von altbekannten Ressentiments, lässt rassistische Deutschtümelei gegen fundamentalistisch anmutende Traditionen, Stammtisch gegen Kopftuch prallen.

Dialektisches Prinzip

Auf Aktion folgt Reaktion, auf hohle Phrasen provokante Gegenfragen – und was meinen Freundin Louisa, was Aynurs Bruder Kerym, der Vater, der Nachbar, die Tante und so weiter zu alledem? Dramaturgin Vivica Bocks sprach, nach einer kurzen Einführung zu den Begriffen Klischee und Vorurteil, von einem „geradezu dialektischen Prinzip“.

Ausstatter Ude Herbster hat sich dafür einen schneeweißen Gardinenraum, einem orientalischen Harem ähnlich, erdacht, der ebenso abstrakt und irreal wie projektionstauglich für die Zuschauer sein soll. Regisseur Kunze lobte abschließend vor allem den „rhythmischen Fluss“ des Stückes, den man „schon beim Lesen spüre“. Für die Premiere am Freitag, 22. Januar, um 20 Uhr gibt es noch einige Karten.

Weitere Aufführungen am 30. Januar sowie 3., 11. ,12., 16. und 26. Februar.


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