„Meine Lehre waren Bekanntschaften mit Brecht, Mann, Zweig und Eisler“ – Matthias Langhoff ist Gastprofessor bei den Theaterwissenschaften und inszeniert mit Studierenden Büchners „Lenz“

17. Januar 2010 | Von | Kategorie: Ausgecheckt, Porträt

GIESSEN. „Der Universitäts-Betrieb ist mir eher fremd“ erklärt Matthias Langhoff fast tonlos und amüsiert sich dann köstlich über den ungewohnten Professorentitel, der ihm im aktuellen Vorlesungsverzeichnis der JLU als Gastdozent am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft zuteil wird.

Auf der Probebühne: Langhoff mit seinen Gießener Studenten.         Bilder: ROstoff

Seit einigen Tagen bereits ist der 68-Jährige, der im deutsch- wie französischsprachigen Raum als einer der bedeutendsten Theaterregisseure unserer Zeit gilt, in Gießen tätig. 25 Studenten haben sich auf der Instituts-Probebühne am Audimax eingefunden, um den Sohn von Wolfgang Langhoff, Bruder von Regisseur Thomas und Vater von Dramatikerin Anna Langhoff zu erleben. Denn der Name Langhoff ist eine Marke in der Theaterwelt. Das war bereits so, als Matthias Langhoff mit Manfred Karge zum legendären Regieduo „Karge/Langhoff“ am Berliner Ensemble der 60er Jahre aufstieg.

Gradmesser Neugier

„Meine Lehre waren Bekanntschaften mit Bertolt Brecht, Thomas Mann, Arnold Zweig und Hanns Eisler“, die der gebürtige Berliner alle noch kennen gelernt hat und erklärt so seine Unwissenheit über eine Theater-Ausbildung. „Der Gradmesser für Talent ist Neugier“, wirft er ein Brecht-Zitat ein, das lange am Berliner Ensemble über der Kantine hing, in die Runde.

Und dann kommt schon die erste Anekdote: Nämlich die von der ersten „Karge/Langhoff“-Arbeit 1963. Karge und Langhoff wollten als Jungspunde Brechts  „Das kleine Mahagony“ inszenieren, nur fehlten ganze Szenenteile, die die beiden in einer „Fälscherwerkstatt“, wie Langhoff es nennt, hinzudichteten. Die Premiere war ein absoluter Erfolg, und erst dann beichteten beide bei der Brecht-Witwe Helene Weigel, die zwar erbost war, beide aber nicht fallen ließ, sondern ihnen den Stempel „Beruf: Regisseur“ für den DDR-Pass besorgte.

Müller schreibt Honecker

Angebote von Regie- oder Schauspielschulen lehnt Langhoff heute jedoch stets ab, aber das Gießener Modell einer gegenseitigen Befruchtung von Theorie und Praxis hat ihn von Anfang an interessiert. Mal ganz davon abgesehen, dass Heiner Müller, der neben Benno Besson, Fritz Marquardt und Thomas Brasch zu seinen intensiven Arbeitsbekanntschaften zählte, hier ja auch schon Gastprofessor war. Langhoff hat Müller auch einiges zu verdanken, denn – zweite Anekdote des Abends – Müller schrieb einst einen Brief an Erich Honecker, indem er den Staatschef auf die anti-faschistische Vergangenheit von den Eltern Langhoff hinwies. Weswegen man den Sohn keineswegs inhaftieren oder sonst wie belangen könne. Daraufhin bekam Matthias Langhoff Mitte der 70er einen Pass für uneingeschränkte Ein- und Ausreise, wie er erzählt. Erfahren hat er von Müllers Brief aber erst nach der Wende 1989.

Goebbels hat auch mitgespielt

Von 1989 bis 1991 war Langhoff Direktor des Théâtre Vidy in Lausanne. Nach seiner Rückkehr nach Berlin war er in der Spielzeit 1992/93 Ko-Direktor und Gesellschafter des Berliner Ensembles. Heute lebt er in Paris und ist als freier Theater- und Opernregisseur international tätig. Langhoff ist unter anderem Mitglied der Akademie der Künste Berlin und Offizier der Légion d`honneur in Frankreich.

Und irgendwann in den 80ern hat er zwischen Berlin und Paris, Wien und Hamburg natürlich auch Heiner Goebbels, den heutigen Direktor des Gießener Instituts und Präsident der Hessischen Theaterakademie, kennen gelernt. Das war am Schauspielhaus Bochum, im Rahmen von Langhoffs gefeierter „Marie Woyzeck“-Inszenierung. „Der Heiner hat nicht nur die Musik gemacht, sonder sogar mitgespielt“, erzählt Langhoff..

Mit seinen 25 Gießener Studenten will der Theatermann, weil es eben „gut nach Gießen passt“, Büchners „Lenz“ „analysieren und in eine Form bringen“, wie er sagt. Aufführungen wird es Mitte Februar geben.

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