Wilde Mischung wie repräsentative Auswahl: Die Zehn-Jahres-Feier des Marburger Kunstvereins hat begonnen
15. Januar 2010 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Aufmacher

- Annette Sauermanns filigrane Beton-Licht-Objekte treffen auf Joachim Bandaus übereinandergelagerte schwarze Rechtecke. Bilder: ROstoff

MARBURG. Über 65 Ausstellungen hat der Marburger Kunstverein seit dem Einzug im Oktober 2000 in die Ausstellungsräume am Gerhard-Jahn-Platz realisiert. Was 1953 im Gewölbekeller der ehemaligen Stadtsäle in der Gutenbergstraße als Künstlerkreis begann, hat sich mit seiner durchlässigen Glasfassade zum markanten Aushängeschild zwischen Cineplex und Volksbank gemausert, inklusive Artothek und Leseecke.
Allein zur Fotoausstellung von Martin Liebscher im vergangenen Herbst kamen insgesamt über 3000 Besucher. Nun blickt der Verein mit zehn ausgewählten Künstlern, die hier alle schon ausgestellt haben, auf eine Dekade zurück. Die Malerei bildet neben Zeichnung, Skulptur, Fotografie und Videokunst die zentrale Gattung. Links zu den Künstlern stehen hier.
Es solle „kein Best-of“ sein, machen Gerhard Pätzold (1. Vorsitzender), Antje Galensa (Führungen) und Susanne Paesel (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) das Konzept der Ausstellung deutlich. So richtig erklären könne man die äußerst demokratisch geschaffene Auswahl jedoch auch nicht. Wichtig waren allen Beteiligten die Gattungsmischung sowie eine „möglichst repräsentative Auswahl“ aus den letzten zehn Jahren Ausstellungspraxis.
ULOs, Himmelsbilder und ein Stahlpilz
So kommt es mit Arbeiten von Malern wie Joachim Bandau, Aris Kalaizis, Bernd Schwarting und Hans Sieverding sowie Bildhauern und Fotografen wie Floris M. Neusüss, Annette Sauermann, Willi Weiner, Rainer Wölzl, Andrea Zaumseil und der Videokünstlerin Angela Hiß, die ihre 2005 entstandenen „Corraleraspielerinnen“ in einem Nebenraum zeigt, zu einem ungewöhnlichen Nebeneinander. Oder einer ziemlich wilden Mischung, die aber auf den zwei lichtdurchfluteten Stockwerken des Glasbetonbaus hervorragend zusammenkommt.
Schon im Eingangsbereich bildet der rostige Stahlpilz in einer Wasserschale von Willi Weiner einen spannenden Kontrast zum filigranen Wandrelief aus fein geschliffenem Beton, Plexiglas und Pergamentpapier von Annette Sauermann und den abstrakten „ULOs“ von Floris M. Neusüss. Weiners dünne wie hohle und sparsam bemalte Säule aus Cortenstahl setzen sich oben in schon lieblicheren Grotten-Objekten fort.
Schwarz, schwärzer, Malerei
In den ersten Stock führen den Betrachter jedoch zunächst Andrea Zaumseils schwarzweiße „Himmelsbilder“ aus Pastellkreide, denen sie zwei kohleschwarze Objekte, die auf den ersten Blick wie riesige ausgehöhlte Zähne wirken, beigelegt hat. Metaphern für das Unbekannte, Unbewusste, wie Susanne Paesel im Katalog schreibt? Vielleicht, oder auch Zeichen für Verfall, Endzeit, Apokalypse.
Schwarz, oder besser Schatten prägen auch die Bilder von Rainer Wölzl. Doch ist Wölzls Malerei dazu wie in Fensterrahmen unterteilt. So fühlt sich der Betrachter bei seiner Goya-Auseinandersetzung „Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor“ oder einer Stacheldraht-Nahaufnahme merkwürdig auf Distanz gehalten.
Im Hauptraum des ersten Stock dominiert dann farbmächtig die Malerei: Gleich vorne links hängen mit „Das Ritual“, „Himmelmacher“ und „Make-Believe“ drei wunderbare, sehr aktuelle Gemälde aus dem rätselhaften Wirklichkeitskosmos des Leipziger Malers und Rink-Meisterschülers (Nicht Neo-Rauch-Schülers, wie hier fälschlicherweise berichtet wurde – Sorry Maerz-Galerie!) Aris Kalaizis.
Bilder wollen Skulpturen sein
Gegenüber sind eindrückliche Beispiele für den Drang der Malerei sich der Drei-Dimensionalität und somit der Skulptur anzunähern, zu sehen: Bernd Schwartings Ölmalerei springt einen regelrecht von der Leinwand an. Zentimeter dick steht die Farbe hervor, so dass man, auch um sich dem markanten Geruch der Bilder wieder zu entziehen, einige Meter zurücktreten muss, um einen Eindruck von den reliefartigen Oberflächenstrukturen der Reihe „Antonia-Clara“ zu erhalten. Daneben bilden die „Blickwechsel“ von Hans Sieverding eine Position der Malerei, die sich in ihren Überlagerungen von Figuren und Linien mit der Zeichnung zu vereinen scheint.
Insgesamt also eine überaus lohnenswerte und der Zehn-Jahres-Feier absolut angemessene Ausstellung. Zur Eröffnung heute um 18 Uhr spricht Leonie Baumann, Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, über Rolle und Geschichte der Kunstvereine in Deutschland. Mindestens die Hälfte der genannten Künstler hat sich für Freitagabend ebenfalls angekündigt.
Öffnungszeiten dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, mittwochs von 11 bis 20 Uhr. Kostenlose Führungen werden samstags um 16 Uhr angeboten. Für Schulklassen und Gruppen sind nach Vereinbarung (06421 – 25 882) auch Besuche außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich.
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