Live-Poesie bei 80 Grad Minus: Christian Offe und Temye Tesfu teilen sich den Slam-Sieg im Jokus

21. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Literatur

GIESSEN. So kann’s gehen: Samstagabend noch beim Slam, Sonntagmorgen schnell ins Schneetreiben auf die Autobahn und dazwischen irgendwie die gesammelten Aufzeichnungen vom Slam verschlammt. All die schönen Zitate erstklassiger Vertreter der Zunft – einfach futsch. Der Super-Gau für einen Kultur-Reporter, waren trotz 80 Grad Minus Außentemperatur doch über 200 Leute im Jokus für die letzte hiesige Dichterschlacht des Jahres zusammengerückt, um neben den zehn Live-Poeten auch der süffisanten Moderation von Lars Ruppel und Stefan Dörsing beizuwohnen. Ausgewählte Zuschauer mit Punkteschildern erleichterten im Gegensatz zur sonstigen Zettelabstimmung den Ablauf. Für Flüssignahrung und Chili Con Carne sorgten Papa und Mama Ruppel.

Im gefühlten Rückblick dominierte glasklare Lyrik den Abend. Mit Schlag-, Paar- und Stabreimen lasen sich die Slammer Markus, Leo und Peter ins Finale, das am Ende aber zwischen dem Marburger Spoken-Word-Poeten Temye Tesfu, der schon in den Vorrunden als einziger auswendig vortragender Rezitator das Publikum beeindruckte, und dem Johann König der Slam-Szene, Christian Offe, entschieden werden musste.

Ging aber nicht so leicht, weswegen ein Stechen her musste. Der eine saß dafür am Schlagzeug der Band „Am Leben vorbei“, die den Slam in den Pausen musikalisch würzte, während der andere jeweils das Mikrofon übernahm. Was bei Christian Offe erstmal trockenes Understatement bedeutete, denn seine sehr aktuelle und zumindest halb biografische Geschichte unter dem Motto „per Mitfahrzentrale von Erfurt nach Gießen“ mit allen Übelkeiten dieser Welt, machte aus dem Bühnenhelden eine geradezu tragische Gestalt.

Im Vergleich zu Offes trockenem Erzählstil stellt ein Slammer wie Tesfu dann natürlich das komplette Kontrastprogramm dar und zeigt, wie groß die stilistische Bandbreite im deutschsprachigen Poetry Slam mittlerweile sein kann. Eine frankophon angehauchte Heimatbefragung dient Tesfu als Finalbeitrag, mit der er sein poetisch-rhythmisches Talent, Text und Klang, Zeilen und Beats zusammenzubringen, nochmals kräftig unter Beweis stellen konnte. Am Ende war sich das Publikum einig und bestimmte beide als Gewinner – gut so, sie in Konkurrenz zu vergleichen wäre eh albern.

So, und weil’s alles so improvisiert ist, hier eine besonders große Bitte: SCHREIBT KOMMENTARE. Bilder gibt’s immerhin genug, die sind glücklicherweise nicht abhanden gekommen. Und mit einigen Porträts von Künstlern des Abends wird die ro-stoff-Fabrik versuchen, die kleine unprofessionelle Blamage im neuen Jahr wieder auszugleichen. Versprochen!

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2 Kommentare
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  1. Schön war’s. Ein mehr als würdiger Jahresausklang. Endlich mal wieder straighte Lyrik. Stefan Dörsing mit Brille. Und ein latent hasserfüllter Ruppe am Klavier. Schön. Vor allem die Band muss ich an dieser Stelle wirklich in höchsten Tönen loben. Boah! Su-pah! Wun-dah-bah! So viel Lobhudelei. Und das alles ironiefrei. Das ist selten.

    Für mehr Slams mit Musik! Vielleicht wär das mal ein guter Vorsatz… apropos: alle die nicht da waren, sollten sich vornehmen, im nächsten Jahr vorbeizukommen. Dann bitte mit Kippe im Mund und ohne Diätschokolade.

    In diesem Sinne:
    Happy Chanuka und rutscht schön!

    PS: “Am Leben vorbei” heißt die Band und nicht, wie der Tag impliziert, “An der Welt vorbei”…

  2. Danke Temye, Tag wurde verbessert! O du fröhliche…

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