Christian Fries stellt im TiL mit kollegialer Unterstützung sein erstes Buch „Vater gibt seinen Weinhandel auf“ vor

18. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Literatur

GIESSEN. Die Dominanz konventioneller Erzählstrukturen sei ihm einfach zu groß.  Querverweise und Versatzstücke interessieren Christian Fries gerade beim Schreiben mehr als abgeschlossene Sinnzusammenhänge, erklärt der Schauspieler und Regisseur bei der Vorstellung seines ersten Buches im TiL.

In szenischer Lesung: Irina Ries, Milan Pesl, Christian Fries und Roman Kurtz im TiL.
In szenischer Lesung: Irina Ries, Milan Pesl, Christian Fries und Roman Kurtz im TiL.                                    Bilder: ro-stoff

„Vater gibt seinen Weinhandel auf“ heißt es, und wer dabei ein breites Familienepos erwartet, liegt ziemlich daneben. Die Sammlung von fragmentarischer Kurzprosa und ebensolcher Dramatik bietet halb Autobiografisches wie in „Gas City, USA“, verschachtelte Traumbilder wie in „Vanessa Redgrave“ oder eine morbid erotische Teenagerwelt wie in der Titelgeschichte „Vater gibt seinen Weinhandel“ auf. Und natürlich geht es viel ums Theater wie in „Im Stile Tschechows“ oder „Das rote Ruderboot“.

Die Lesung, die Fries mit kollegialer Unterstützung von Milan Pesl, Irina Ries und Roman Kurtz in die Studiobühne gezaubert hat, war denn auch keine gewöhnliche: Tschschschsch, Plong – für „Vanessa Redgrave“ sitzt Pesl mit Tröte und Trommel neben Fries’ und mischt sich musikalisch wie sprecherisch in den Vortrag ein. Die kafkaesk anmutende Jagd des Protagonisten Jupe-Jupe (sprich: Dschüp Dschüp) nach der Filmdiva Redgrave, von der man nicht genau erfährt, wie nah sie Jupe-Jupe steht, wird so zu einem mysteriösen Live-Hörspiel.

FriesLesung2Wenn Kurtz und Ries dazukommen, bekommt die einhalbstündige Präsentation die Kurve zur klassischen szenischen Lesung. Und die größte Frage bei „Vater gibt seinen Weinhandel auf“ bleibt, während Kai und Raimund ihre ersten Erfahrungen mit Elsa machen, wem die baumelnden Beine im Schrank gehören. Delikates und Frivoles, bisweilen Obszönes lässt Fries auch sprachlich keineswegs aus.

Recht amüsant wiederum ist eine Passage aus „Gas City, USA“, die auch bei den knapp 50 Zuhörern für raunendes Gelächter sorgt. In der szenisch angelegten Short Story, die auf Fries’ Amerika-Austausch im Alter von 16 Jahren zurückgehen, erklärt die eher literarisch interessierte Hauptfigur Christian seiner etwas rassistischen Gastfamilie (überhaupt ist in der amerikanischen Provinz jeder Rassist, liest man) auf die Frage, wie es mit den Schwarzen in Deutschland sei: „Wir wissen, wie wir Leute loswerden, die wir nicht in unserem Land haben wollen“. Das scheint selbst Gastbruder Eric kurz zu schockieren.

* Christian Fries: „Vater gibt seinen Weinhandel auf“, Helmut Lang Verlag, Münster, 204 Seiten.

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