„Künstler, Tod und Königsklopfen“: Buch-Präsentation und Kabinett-Ausstellung zu Tomi Ungerer im Oberhessischen Museum
4. Dezember 2009 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: KunstGIESSEN. Es war die teuerste Neuerscheinung auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: „Tomi Ungerer. Künstler, Tod und Königsklopfen“. 1200 Euro kostet eines der insgesamt nur 100 frei verkäuflichen Exemplare des Edel-Bandes mit 33 grafischen Selbstreflexionen, kombiniert mit 33 Aphorismen Ungerers. Erschienen ist der Band gerade nicht im Zürcher Diogenes-Verlag, wo bisher alles verlegt ist, was der elsässische Illustrator „üppiger Hinter und Kurven“, so Museumsdirektor Häring in seiner Einführung, geschaffen hat. Der Licher Verlag edition noir hat nach einer Idee von Alvaro Rebolledo-Godoy und Paul Klös das geradezu ungeheure Unternehmen gewagt, 33 Faksimiledrucke nach unveröffentlichten Handzeichnungen Ungerers aus drei Jahrzehnten zu bündeln und in einem aufwendigen Druckverfahren auf 84 Seiten in japanischer Broschur zu binden.

- Eros und Tod – zentrale Sujets bei Ungerer.

Aphorismen im Bleisatz
Der Licher Verlagsmann Klös hat dafür die Aphorismen im Bleisatz von Hand gesetzt. Verwendet wurde die äußerst seltene Mauritius-Schrift. Zum geschöpften 145-Gramm-Büttenpapier von Zerkall wurden außerdem drei Vignetten eingedruckt. Ungerer seelbst schuf exklusiv dazu eine Radierung mit Aquatinta, streng limitiert auf die Auflage des Buches. Gedruckt wurde das Prachtexemplar vom Gießener Druckkollektiv.
Man sieht in „Künstler, Tod und Königsklopfen“ wie in der beleitenden Kabinett-Ausstellung im Oberhessischen Museum, die vorwiegend aus ausgewählten Grafiken des Bandes besteht, den Künstler in verschiedensten Rollen: Ungerer als Frau, Ungerer als Sexbesessener, als Opfer von Salome oder als Kranker mit Rippenfellentzündung, an der er Mitte der 50er Jahre, als er nach New York kam, tatsächlich enorm zu leiden hatte.
Vom Stadtrausch zum Landleben
Der Illustrator von über 160 Büchern und Schöpfers von weit mehr als 40 000 Grafiken hat, 1931 in Straßburg geboren, einen schier unglaublichen Lebenslauf hinter sich. Im New York der aufkeimenden Pop Art, wo er mit Andy Warhol kennen lernte und mit sarkastischen und erotomanischen Zeichnungen bekannt und berüchtigt wurde, hat ihn schnell das FBI im Visier. Doch nach 15 Jahren Rausch und Boheme geht er über Kanada nach Irland. Mit der Begründung: „I lost my sight to find my insight“. Innensicht, Einkehr, Landleben und Schluss mit Schmerz und Revolte hieß es für Ungerer. Dennoch war die Buchvorstellung in der Galerie Martel im September diesen Jahres in Paris laut Verlegerin Birgit Klös, die kurz über die schwierige Entstehungsgeschichte des Werkes berichtete, ein Happening, das am Ende auf offener Straße stattfand.
Kulturdezernent Harald Scherer brachte es in seiner Begrüßung bereits auf die Formel, dass man sich dreifach freuen könnte über die Eröffnung: wegen einer imposanten Buchpräsentation, einer hervorragend flankierenden Kabinett-Ausstellung, die zusammen einen guten Vorgeschmack auf die große Tomi-Ungerer-Ausstellung im Herbst im Oberhessischen Museum geben, zu der Ungerer, wenn es sein Gesundheitszustand zulässt, auch selbst erscheinen wird. Bilder: ro-stoff
Zu sehen bis 23. Januar im ersten Stock des Oberhessischen Museum. Öffnungszeiten dienstags bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr, geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 01. Januar.
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