Von Diven, Weltschmerzregisseuren und mancher Rampensau: Theater Gegenstand gastiert mit “Gretchen 89ff” im Kino Traumstern

27. November 2009 | Von | Kategorie: Theater

LICH/MARBURG. Das Theater Gegenstand gastiert am Sonntagvormittag bei einer Matineevorstellung mit Matze Schmidts Inszenierung von Lutz Hübners urkomischer Proben-Komödie „Gretchen 89 ff“ ab 12 Uhr im Kino Traumstern. Bei der Premiere im Juli vergangenen Jahres war ausgehzwang.de indirekt, noch lange vor der Gründung, zugegen und schrieb in einer Tageszeitung voller Begeisterung wie folgt:

Es ist das Erfolgsstück Lutz Hübners. 1997 an der Baracke des Deutschen Theaters in Berlin uraufgeführt, 2003 fürs Gießener Til produziert, festigte es Hübners ständigen Sitz im Parlament der zeitgenössischen Dramatik: „Gretchen 89 ff“, eine komödiantische Theaterreflexion, die sich weniger urfaustischer Adaptionswut anschließt, als vielmehr in der Tradition der ambivalenten Hassliebe zur Institution Bühne steht. In einer Linie von Thomas Bernhards „Theatermacher“ bis zu Peter Schanz’ „Anna sagt was“.

Matze Schmidt, künstlerischer Leiter des Marburger Kulturzentrums Waggonhalle, hat das Stück, in dem sich nahezu alle um die szenische Umsetzung der 89sten Seite eines Reclamheftchens dreht, mit fünfköpfigem Ensemble und virtueller Theaterprominenz aus der Region inszeniert.

„Es ist so schwül, so dumpfig hie“ – damit fängt es an. Thema: das Spektrum der Möglichkeiten. Wie ist ein Stück, ein Klassiker zu inszenieren. Warum sieht der Abonnent schließlich, was er sieht? Und, was heißt hier eigentlich Regieanweisung? Soweit die kleine inhaltliche Aufhänger dieser süffisanten Schilderungen von der Theaterfront.

Tatort Probebühne, dramatische Ermittlung der „Kästchen-Szene“, Goethes, Faust 1, Seite 89 folgende. Anwesend: Regisseur und Jungschauspielerin. Es dauert keine zwei Minuten, bis Nicole Ströher als potentielles Gretchen das Publikum auf ihrer Seite hat. Mit äußerst werkfremden Anwandlungen versucht sie, der Rolle Herr zu werden und treibt Regisseur (Nisse Kreysing) und Assistent (Markus Haßler) zwischen meditativen Atemübungen und allerlei rhythmischer Sportgymnastik Schritt für Schritt in den Wahnsinn. Aber „über die Figur können wir ja später noch reden“, soweit der erste Versuch.

Präzise, witzig und charmant probiert sich Schmidts Ensemble durch Hübners buntes Kabinett an skurrilem Theatervolk. Die erfrischende Klischeereiterei ist zwischen den Szenenwechseln eingerahmt durch Leinwand-Monologe von Landestheater-Intendant Ekkehard Dennewitz und Regisseur Wilhelm Manske, die in kurzen Einblendungen die Charakteristika von Diven, Weltschmerzregisseuren, Hospitanten und mancher Rampensau erläutern.  Wunderbar gelingen die Übergänge, akustisch untermalt vom beständigen Amüsement des Premierenpublikums  im ausverkauften Theatersaal der Waggonhalle.

„Es wird mir so, ich weiß nicht wie – Ich wollt, die Mutter käm nach Haus.“, geht es mit Magdalena Kaim als hilflose Aktrice und Nisse Kreysing als Kette rauchender, von Weltekel getriebener Regisseur weiter. Kreysings imposanter Rollen- und Haltungswechsel neben Kaims herzzerreißender Verzweiflung, dem Zwang pathetischen Tiefsinns – „Schwül, Leib, Mutter, spürst du den Abgrund nicht“ – nicht gerecht zu werden, reißen das Publikum nahezu von den Stühlen.

„Wie kommt das schöne Kästchen hier herein? Ich schloss doch ganz gewiss den Schrein. Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne sein?“ – mit Uwe Langes lässigem Elvis-Gretchen, chorischen Versuchsanordnungen im Engels-Milieu, einer sehr österreichischen Probenversion und Markus Haßlers einzigartig tollpatschiger Hospitanteneuphorie, spielt sich das Quintett eineinhalb Stunden durch alle hierarchischen Relationen eines Schauspielhauses und in jedes Zwerchfell. Niemals platt, da stellen das Stück und Hübners ganz eigener, feiner Humor eine allzu glückliche Steilvorlage für einen amüsanten Theaterabend. Von „der Text is’ mir scheißegal“ über „diffuse Gefühle“ bis zu „Pack ma’n paar Geigen drunter“ reicht das Spektrum der Vorschläge und Möglichkeiten. Reingehen. Anschauen.

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