Psychogramme wie vom Reißbrett: Ibsens “Baumeister Solness” am Stadttheater

15. November 2009 | Von | Kategorie: Ausgecheckt, Theater

GIESSEN. Was für ein Licht. Und dieses Bühnenbild. Lukas Noll hat Wolfram J. Starczewski für die Inszenierung von Henrik Ibsens „Baumeister Solness“ am Stadttheater die Unschuld dick und breit mit dem Teppichmesser zerschnitten: in einer überdimensionalen weißen Rückwand ist ein großes Dreieck ausgespart, das Schicht um Schicht nach hinten, in einen versperrten Ausgang führt. Ein sinnfälliges Gebilde für den Baumkuchen der schuld- und fluchbeladenen Verdrängungsbürger, die der norwegische Theaterdichter Ibsen (1828-1906) auch in seinem „Baumeister“, 1893 in Berlin uraufgeführt, die bittere Vergangenheit aufkochen lässt.

Auf dem Grund des Verdrängten

Wolfram J. Starczewski, der im März mit Gerhhild Steinbuchs „Nach dem glücklichen Tag“ im TiL sein Gießener Regie-Debüt gab, hat für jeden Akt eine sparsame Einrichtung gewählt. Fünf helle Stehpulte mit Lampen zieren den ersten. Die aufgeräumte Atmosphäre eines Architekturbüros stellt sich nicht zuletzt wegen Thomas Niedermaiers wunderbarem Lichtdesign ein. Schon das Eröffnungsbild in sattem Blau, das ins Champagnerfarbene übergeht, möchte man in einer Endlosschleife sehen. Die klar strukturierte Ästhetik lässt zudem der wortreichen Psychologie der Szenen genügend Raum. Starczewski lässt immer wieder einen Klangteppich aus Metallophon und Echolot einspielen, um zu unterstreichen, dass Verdrängtem auf den Grund gegangen wird.

Christian Fries gibt Solness. Fast wirkt der Schauspieler, der mit dem „kunstseidenen Mädchen“ in dieser Spielzeit auch sein Regiedebüt gab, zu drahtig, zu dynamisch für die Rolle. Etwa wenn Solness seine Angst artikuliert, die Jugend würde an ihm, dem großen Kirchturmschöpfer, vorbeiziehen. Ibsens Baumeister ist ein ebenso unstudierter wie rücksichtloser, aber erfolgreicher Emporkömmling wie ein vom Schicksal und Gewissen gebeutelter Familienmensch. Fries schafft es mit lakonischer Spielweise die eine Seite fast diabolisch aufflackern zu lassen. Wenn Solness dem einstigen Besitzer des Architekturbüros, Knut Brovik (Harald Pfeiffer), die Unterstützung für dessen Sohn Ragna (Dominik Breuer) verweigert und gleichzeitig eine Affäre mit Ragnas Freundin Kaja (Irina Ries) eingeht, gibt Fries dabei ein regelrechtes New-Economy-Arsch.

Doch dann taucht Hilde im Hause Solness auf. Aus einer fern gelegen Stadt gekommen, der Solness einst den Kirchturm ins Herz pflanzte,  um Gott nahe zu sein. Mittlerweile baut der Baumeister jedoch nur noch familientaugliche Häuser. Der frühe Tod der beiden Kinder hat ihn von Selbstsucht in Selbstzweifel getrieben. Manchmal ist jedoch schwer zu entziffern, wie sehr Fries das innere Leiden seiner Figur gehen lassen will.

In verkohlten Korbstühlen

Hilde (Christin Heim) hat als kleines Mädchen in Solness den Helden mit Richtkranz in schwindeligen Höhen gesehen. Solness küsste das junge Ding damals, machte wilde Versprechungen. Nun platzt Hilde erwartungsvoll in sein Eheleben mit Aline (Carolin Weber) und bringt die Auseinandersetzung mit der familiären Urkatastrophe, einem Brand des ehemaligen Wohnhause, ins Rollen. Carolin Weber gibt ihre Aline dabei weniger als vergrämt magere Menschenscheue, denn als gebrochene Pragmatikerin, die alles tut, „weil es ihre Pflicht ist“. Christin Heim changiert zwischen blonder Unschuld und stürmischer Wikingerbraut.

Fries und Heim haben ihre stärksten Szenen, wenn Hilde ihrem „Baumeisterchen“ das Gewissen klein reden will und er ihr „Luftschlösser“ verspricht. Wenn beide im dritten Akt in verkohlten Korbstühlen Platz nehmen, ist die Ausweglosigkeit, den Folgen des eigenen Schicksals zu entkommen, markant gesetzt. Die Regie fasst das alles ein in atmendes Korsett, bedient Ibsens Psychogramm dabei souverän wie vom Reißbrett. Der Schlussapplaus für Schauspieler und Regie war immens. Solche Begeisterungsstürme kennt man im Gießener Stadttheater eigentlich nur von gängigen Opernpremieren.

Weitere Aufführungen am 28. November, 5. und 12. Dezember, 14. und 29. Januar jeweils um 19.30 Uhr.

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