Obsessionen des Ekels als Live-Hörspiel: Heinz Strunk liest im Jokus aus „Fleckenteufel“
15. November 2009 | Von Rüdiger Oberschür | Kategorie: Ausgecheckt, LiteraturGIESSEN. So sei es und so war es schließlich auch: In einer ersten geglückten Abstimmung wurde entschieden, dass ausgehzwang.de von der Heinz-Strunk-Lesung im Jokus am vergangenen Freitag berichten sollte. Nun denn:

Die Querflöte immer griffbereit: Auch im Jokus stellte Strunk unter Beweis, dass er ein routinierter Musiker ist. Bild: ro-stoff
Es hat nicht lange gedauert, da hatte Heinz Strunks im Januar diesen Jahres erschienener, dritter Roman den Äquivalenz-Stempel zu Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ auf dem Klappdeckel. Und das lag und liegt nicht nur an der ähnlichen Aufmachung des Covers. Nur dass Strunks „Fleckenteufel“ in punkto Binnenhandlung und Erzählstruktur um einiges ausgereifter und amüsanter ist. Strunks 16-jährigen Protagonisten Thorsten verschlägt es im August 1977 auf eine Konfirmanden-Freizeit an die schleswig-holsteinische Ostseeküste. Er träumt von Sex mit außerordentlich bestückten Altersgenossen, liest Landserhefte und erforscht auf besonders intensive Weise die eigenen Intimzonen und Körperfunktionen. Im ausverkauften Jokus las Heinz Strunk nun aus diesen Obsessionen des Ekels, und bot den 150 Zuhörern im ausverkauften Jokus damit ein bisweilen urkomisches Live-Hörspiel.
Man merkt Strunk an, dass er von der Musik kommt. Und dass sein Erstling „Fleisch ist mein Gemüse“ über das Leben als Tanzkapellen-Saxofonist in der norddeutschen Provinz nicht minder biografisch zu lesen ist wie „Fleckenteufel“. Neben ihm liegt während der Lesung stets griffbereit eine Querflöte, auf der er am Ende ein ironisch übersteigertes „We shall overcome“ intoniert, als Abgesang auf die „Wir-halten-uns-alle-an-den-Händen“-Lagerfeuerromantik im Roman.
Strunks sprecherische Möglichkeiten sind enorm, die Lesung ist auf dramaturgisch exzellente Weise rhythmisiert. Strunks leicht vernuscheltes wie nasales Hanseaten-Presto lässt den Zuhörer an seinen Lippen hängen. Auch wenn im Roman außerordentlich viel gefurzt wird und Onanie- wie Entleerungsfantasien manchen Zuhörer verunsichern, ob lachen hier nicht unanständig wäre.
Dabei verfolgt Strunks Roman, inklusive der Kerneinsicht „Diakone sind die heißesten Böcke“ ein sehr klares poetologisches Konzept: Verstopfung, Sexualität, die Banalität des Körpers als Kontrapunkt zu den Geboten des kirchlich organisierten Badeurlaubs. Und die vielen skurrilen Typen, die Strunk dabei zwischen Busfahrt, Zeltplatz und Sanitäranlagen in skizzenhaften Beschreibungen vorbeiziehen lässt, strotzen nur so von bundesrepublikanischem Lokalkolorit.
Natürlich darf auch die erste Begegnung mit Alkohol in Form von Apfelkorn nicht fehlen, dessen Entdeckung vom 16-jährigen Thorsten ebenso gefeiert wird, wie die Entdeckung der Gedichte Charles Bukowskis: „Thomas Mann, Heinrich Böll, Günter Grass – alles Scheiße“. Nun denn, ganz zum Schluss gesteht Strunk, dass das alles schon durchaus eine Zumutung sei. „Aber wenn ich’s nicht mache, wer sonst?“, meint er lakonisch. Sicher auch etwas hinter vorgehaltener Hand wurde der Autor, der bewusst kein Getränk auf der Bühne haben wollte, vom Gießener Publikum dennoch ausführlich beklatscht und signierte hinter auch noch bereitwillig.
Heinz Strunk: „Fleckenteufel“, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2009, 224 Seiten, 12 Euro.
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